Huaraz – die blauen Lagunen

am

Von der Pazifikküste fuhren wir hinauf in die Berge im Norden Perus und anschließend wieder ans Meer. Die letzten Wochen unserer Weltreise brachen an, als wir auf atemberaubenden Wanderungen die Berglandschaften um Huaraz kennenlernten und im nebelverhangenen Fischerdorf Huanchaco begannen, Abschied zu nehmen. Abschied von einer Zeit, die für uns die Welt verändert hat. 

Huaraz

Schon als wir früh am Morgen aus dem Bus in Huaraz steigen, ist mir schlecht. Es ist der 13. Juni, langsam beginnen wir schon die Tage zu zählen, die uns noch bleiben. Jeden von ihnen wollen wir genießen, jede Stunde auskosten. Und doch freuen wir uns ganz langsam auch auf die Rückkehr zu unseren Lieben. Naja, jetzt ist mir jedenfalls erstmal schlecht, und was sich ankündigt, tritt auch ein. Unsere ersten Tage in Huaraz verstreichen während wir im Hostelbett sehnsüchtig darauf warten, dass das Bauchgrummeln verstummt. Der Gastgeber erklärt uns, es sei „normal“, dass die Touristen in Peru immer wieder krank würden. Das liege am Wasser. Wir streichen also alles vom Speiseplan, das mit nicht ausreichend abgekochtem Wasser zubereitet sein könnte, schmieden Wanderpläne und verfolgen die Fußball Weltmeisterschaft in weiter Ferne. Denn in jedem Restaurant, aber auch auf jedem Fernseher in den Elektrogeschäften laufen die Spiele. Und die Peruaner sammeln sich davor, um zuzusehen. Sehnsüchtig blicken wir bei unseren Spaziergängen zwischen Hostel und Innenstadt auf die Gipfel, die die kleine Bergstadt umrahmen. Sogar aus unserem Fenster können wir die weißen Schneemützen sehen.

Seit Stunden sitzen wir in einem Minibus, inzwischen schlängeln wir uns Kurve für Kurve an einem Bergmassiv hinauf. Nur eine Brasilianerin sitzt mit uns im hinteren Raum, vorn der Fahrer und unser Guide. Zum Lake Paron, einer der bekanntesten Lagunen in der Nähe von Huaraz, fährt man fast den ganzen Weg mit dem Auto. Wir sehen zwar ab und zu Wanderschilder am Wegesrand, doch bei der Höhe, die wir schon zurückgelegt haben, sind wir ausnahmsweise dankbar, dass es auch so geht. Ich schaue lieber nicht zu genau aus dem Fenster hinab, wo der kleine Schotterpfad, auf welchem wir fahren, randlos in die Tiefe führt. Huaraz liegt schon auf 3000 Metern über dem Meeresspiegel, Lake Paron noch einmal 1100 Meter höher. Als der Fahrer auf einem kleinen Parkplatz anhält, können wir in der Ferne schon das türkisblaue Wasser glitzern sehen. Wir sind froh auszusteigen und den Rest selbst laufen zu können. Wir starten direkt den Aufstieg auf den Geröllberg, den es noch zu bezwingen gilt.

Oben erwarten uns bereits einige andere Naturliebhaber, doch es ist genug Fläche, auf der wir uns alle verteilen können, ohne uns aneinander zu stören. Genug Fläche, von der aus man den atemberaubendsten Blick hat, den ich wohl je erleben durfte. Wir schauen von oben auf die leuchtende Lagune, die sich zwischen die grauen Berge mit ihren weißen Gipfeln schmiegt. Das Türkis von den Bildern, von dem ich mich immer gefragt habe, ob es wirklich so aussieht. Ja. Eine Farbe der Natur, die kaum wahrhaftig scheint. Eine Farbe, die durch den feinen Gesteinsstaub der Berge im Wasser entsteht, wenn das Sonnenlicht wie heute strahlt. „Gletschermilch“ wird das Wasser genannt, das tatsächlich kaum durchsichtig ist. Nach einer ganzen Weile, die wir auf den Steinbrocken gesessen und einfach nur die Kulisse genossen haben, sind wir vom Wind völlig durchgefroren und machen uns an den Abstieg. Und die Abfahrt…

Eigentlich hatten wir die Wanderung zur zweiten Lagune schon abgeschrieben, als wir krank waren und immer mehr Tage verstrichen. Denn die Laguna 69 erreichen wir nicht wie den Lake Paron im Sitzen. Im Gegenteil, gilt es das Ziel auf 4604 Metern Höhe zu Fuß zu erklimmen. Doch am Anfang sitzen wir wieder im Bus – ja, wir konnten Huaraz einfach nicht verlassen, ohne es versucht zu haben. Diesmal ist es deutlich früher, noch im Dunkeln werden wir abgeholt, und der Bus deutlich voller. Jeder Sitzplatz ist besetzt, als wir wieder aus Huaraz hinaus in die Bergwelt fahren. Am Parkplatz stehen bereits mehrere Busse und auf dem Wanderweg sind wir alles andere als allein. Doch sobald jeder in seinem eigenen Tempo zu laufen beginnt, verteilen sich auch hier alle gut, sodass wir in Ruhe die Natur genießen können. Und die ist wirklich unfassbar. Anfangs laufen wir durch ein Märchenland, an dessen kleinem Bachlauf zottelige Kühe gemütlich grasen. Es zieht kalt durch die Kleidung, aber die Sonne brennt bereits von oben auf uns hinab.

Nach einer Stunde geradeaus beginnen wir, aufzusteigen. Immer höher und – immer langsamer. Was wir schon aus Bolivien kennen, gilt auch hier: Auf über 4000 Metern wandern braucht Zeit. Mit viel Wasser und vielen Pausen schlängeln wir uns zwischen den gigantischen Bergen hinauf. Bis wir nach gefühlt schon wieder den anstrengendsten Stunden unseres Lebens um die letzte Ecke biegen. Und uns nichts anderes einfällt als „Wow“. Wieder stehen wir vor dem leuchtenden Blau, die Kulisse rundherum ähnlich und doch komplett verschieden zum Lake Paron. Wir suchen uns einen großen Stein abseits der bereits Herumliegenden und picknicken. Noch nie habe ich Müsliriegel an so schönen Orten gegessen, glaube ich. Noch nie bin ich an so schönen Orten gewesen, glaube ich.

Huanchaco

Abends sitzen wir wieder im Bus, der uns über Nacht an den nächsten und vorletzten Ort unserer Weltreise bringt. Wir steigen ein, als „Trujillo“ auf der Tafel erscheint, von wo wir am nächsten Morgen mit dem Taxi in das kleine Fischerdorf Huanchaco fahren. Als wir vor der Tür des Hostels aus dem Auto steigen, können wir durch dichten Nebel noch Umrisse der brechenden Wellen erkennen. Das Meer ist keine zwei Minuten von uns entfernt und obwohl es zu kalt ist, um verlockend zum Baden zu sein, liebe ich es wie jedes Mal, am Meer zu sein. Als wir klingeln werden wir auch früh am Morgen fröhlich von unseren Gastgebern und all ihren Katzen und Hunden empfangen.

Wir verbringen vier Tage in dem kleinen Dorf, spazieren herum, lassen alles mögliche, was wir in den letzten Monaten erlebt haben Revue passieren und gehen immer in dem gleichen kleinen Restaurant essen. Ja, nach zwei Tagen, die wir uns um die Kälte herum gedrückt haben, zwängen wir uns sogar in Neoprenanzüge und steigen ins Wasser. Denn in Huanchaco wird gesurft. Vor den riesigen Wellen, die vor unserer Tür brechen, haben wir zwar zu großen Respekt, aber im „Anfängerbereich“ hinter dem Pier, versuchen wir unser Glück. Die Bedingungen sind nicht zu vergleichen mit unseren Surfstunden in Santos und unser Spaß am Ende auch nicht. Selten kommen gute Wellen und der Meeresboden ist nicht aus feinem Sand sondern aus unangenehmen Steinen. Surfen ist hier wohl cooler, wenn man mit den großen Wellen umgehen kann. Aber wir haben es versucht!

Lima

Unsere letzten drei Tage verbringen wir in Lima. Die Hauptstadt Perus haben wir uns bis zum Schluss aufgehoben, von hier fliegen wir, und sie bietet den üblichen Großstadtwahnsinn. Doch in Miraflores, wo unsere Unterkunft liegt, ist es wirklich hübsch. Wir besuchen eine Handwerksmesse und stöbern durch die Inka Markets der Stadt. Denn endlich ist es an der Zeit, ein paar Souvenirs einzupacken, für uns und unsere Lieben, nun müssen sie nicht mehr um die ganze Welt getragen werden.

Als wir in das Taxi einsteigen und durch die Straßen Limas fahren, weiß ich nicht ob ich grinsen oder weinen möchte. Ich kann mir, egal wie oft ich darüber nachdenke, nicht vorstellen, heute Nacht in Deutschland aus dem Flieger zu steigen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlen wird, den Rucksack auszupacken, die Straßen durch die kleinen Dörfer nachhause zu fahren und zurückzukommen. Wieder anzukommen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlen wird, aufzuhören mit einer Weltreise. Genauso wenig wie ich vor 9 Monaten wusste, wie es sich anfühlen würde, sie zu erleben.

In Huaraz haben wir noch wirkliche Highlights erlebt, haben die schönsten Farben der Natur eingeatmet und die letzten Wanderungen in den Bergen erlebt. Am Meer, im Frieden Huanchacos konnten wir dann langsam abschließen mit einem Kapitel, das uns unser Leben lang begleiten wird. Wir haben reflektiert, was alles passiert ist, an all diesen wundersamen Orten auf der Welt. Und wir haben uns darauf vorbereitet, nachhause zu kommen. Anzukommen. 

Alle umdieweltgeschichten und Bilder aus Peru findest du hier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s