Cusco – heilige Orte der Inka

Ursprünglich wollten wir direkt nach Lima fliegen, in die Hauptstadt des Landes, das wir unbedingt entdecken wollten. Direkt in das Herz Perus. Doch es ergab sich anders. Über Brasilien, über Bolivien, am Titicacasee entlang, zog es uns zuerst in den Süden Perus – und nach Cusco. In das vielleicht eigentliche, das geheime Herz Perus. Ein Herz, das uns vor schwierige Entscheidungen stellte. 

Es ist gerade fünf, als wir am Busbahnhof in Cusco ankommen. Es war unsere erste richtige Nachtfahrt, von Puno hierher im Schlafbus. Trotz der Uhrzeit ist es schon wuselig an dem kleinen Terminal, hier und da liegen Leute mit zig Decken auf dem Boden und schlafen. Auch hier in Cusco ist es kalt, wir machen es uns auf einer Sitzbank im Schlafsack „bequem“ und warten. Warten darauf, dass wir irgendwo hinfahren können, dass die Stadt erwacht.

Zwei Stunden später klingeln wir an der Haustür, die durch nichts außer einem kleinen Booking-Schild erahnen lässt, dass es sich um ein Hostel handelt. Und als uns die kleine Peruanerin die Tür öffnet, ist klar, was wir beim Klingeln schon befürchtet hatten: das ist ein Privathaus und mehr ein Homestay als ein richtiges Hostel. Heißt, hier gibt es keine Rezeption, die etwa 24 Stunden auf ihre Gäste wartet. Nein, hier wohnt eine peruanische Familie, die ein paar Gästezimmer eingerichtet hat. Wir freuen uns eigentlich, denn so bei jemandem zu Hause zu wohnen gibt uns immer ein anderes Gefühl der Kultur als ein Hotel. Aber es tut uns Leid, sie geweckt zu haben – auch wenn es sie nicht groß zu stören scheint. Sie erklärt uns die Grundzüge der Stadt, wo wir hier sind und dass wir ab Mittag einchecken können. Dankbar lassen wir unser großes Gepäck dort und allen anderen erst einmal ihren friedlichen Morgen. Wir wenden uns in Richtung Stadt, das Ziel ist der Plaza de Armas, der Hauptplatz der Stadt. Jede Stadt hier hat einen Plaza de Armas, um den herum man üblicherweise Kirchen, Restaurants und Geschäfte findet, er ist eben das Zentrum. Und wenn man nicht weiß wohin um sieben Uhr morgens, dann erstmal dorthin! Wir winken einem Taxi, doch ein anderes Auto hält und der junge Mann fragt wohin es gehen soll. Er nickt und es geht los. „Ist das überhaupt ein Taxi?“, fragen wir uns als wir durch Cusco fahren und stellen damit eine der wohl grundlegendsten Fragen unserer Peru-Reise. Unsere Beobachtungen zeigen nämlich, dass mindestens 80% aller Autos Taxis sind, und alle anderen eigentlich auch.

Cusco_CorpusChristi03

Es ist der 31. Mai, als wir um Cuscos Plaza de Armas laufen und uns in das erste Restaurant setzen, das seine Türen öffnet. Von einem kleinen Balkon haben wir Sicht über den Platz und die großen Kirchen vor dem Hintergrund der Berge. Wir sind immer noch auf 3.400 Metern Höhe, mir ist immer noch kalt, aber zumindest scheint heute die Sonne. Vor der Kathedrale versammeln sich schon jetzt Menschenscharen und große Kirchendekoration. Denn heute werden die Feierlichkeiten zu Corpus Christi, Fronleichnam, stattfinden – genau genommen ab heute eine Woche lang. Hier, wo die meisten Einwohner katholisch sind, ist das Fest eine große Feierlichkeit. Der Plaza wird geschmückt und bewacht, auf einem Nachbarplatz ist ein Markt aufgebaut. Wir schlendern etwas später darüber und finden die Delikatesse, auf die wir wohl am meisten gespannt waren: Meerschweinchen. Nun ja, wir wussten, hier werden Meerschweinchen gegessen. Aber irgendwie war uns nicht klar, dass sie ganz so wie sie sind mit Zähnen und Krallen gegrillt werden – und dann wie kleine Monster am Spieß verkauft. Wow, manchmal ist es wirklich einfach, Vegetarier zu sein.

Mit jeder Stunde, die am Plaza vergeht, füllt er sich. Die Menschenmassen, die sich versammeln, feiern und singen, werden immer mehr. Bis wir am späten Vormittag kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen können, wir ziehen uns auf eine Dachterrasse zurück. Trinken Limonade und sehen dem Spektakel von oben weiter zu. Dann übermannt uns die Müdigkeit und wir kehren zurück zu der kleinen peruanischen Familie mit den zwei Söhnen und dem kleinen Hund, checken ein und fallen ins Bett.

Am nächsten Tag starten wir einen zweiten Anlauf, Cusco kennenzulernen. Ausgeruhter und mit etwas weniger Menschenmassen. Wir laufen durch die Gassen, die sich um das Stadtzentrum ziehen. Die historische Altstadt von Cusco, die an vielen Stellen noch aus Zeiten der Inka erhalten ist, ist wunderschön. Man kann die Bauweise der Ureinwohner erkennen: sie haben Steine sorgfältig bearbeitet, bis sie genau aufeinander passten. Daraus entstanden sind unfassbar glatte, ordentliche Mauern, die die Gassen der Altstadt säumen. An einer Stelle ist der 12 angled stone zu sehen – ein Stein, in den ganze zwölf Winkel gearbeitet wurden, damit er an die richtige Stelle passt. Doch an vielen Orten, zum Beispiel der gigantischen Kathedrale am Plaza de Armas, ist auch die Zeit sichtbar, die auf die ihre folgte. Der Kolonialismus, in diesem Falle durch die Spanier, hat auch in Südamerika seine Spuren hinterlassen. Er verfolgt uns, wohin wir auch reisen, der Größenwahn der Europäer. Je weiter wir den Hügel hinauf laufen, in das kleine Künstlerviertel San Blas, desto ruhiger wird es. Von ganz oben genießen wir die Aussicht über die schöne Stadt vor dem Bergpanorama.

Den Nachmittag verbringen wir im Inkamuseum und auf den lokalen Märkten der Stadt. Der bekannteste Markt, San Pedro, hält in einer großen Halle und darum herum alles bereit, was Touristen und Einheimische so brauchen. Von Kleidung über Essen, Obst und Souvenirs gibt es einfach alles! Doch wir entdecken auch Märkte ohne Touristen und ohne Souvenirs, die zwar namenlos bleiben und uns doch einen viel besseren Eindruck der peruanischen Kultur geben. Denn hier sind Supermärkte, Malls und Läden wie wir sie kennen nicht besonders üblich. Stattdessen gibt es Märkte – und da wird eben alles direkt vom Tisch oder Boden gekauft, was man so braucht. Alles.

Bis jetzt hat uns Cusco sehr gut gefallen, sehr positiv überrascht. Wir mögen das schöne geheime Herz Perus, die hübsche Stadt, und alles was sie bereit hält. Wir fühlen uns hier wohl. Doch langsam legt sich auch ein kleiner Schatten über dieses Bild. Denn so schön Cusco ist, so überlaufen ist es inzwischen auch von Touristen, ja von Reisenden wie uns. Nicht nur wir fühlen uns hier wohl. Es ist die Touristenhochburg Perus, und das vor allem auch wegen seiner Lage: von Cusco aus reist man nach Machu Picchu. Wir ringen schon lange mit uns, ob auch wir die historische Inkastätte besuchen wollen. Also, naja ja, natürlich wollen wir. Es soll ein beeindruckender, ja fast magischer Ort sein. Es reizt uns sehr, dorthin zu wandern und uns einen eigenen Eindruck zu machen, diese Atmosphäre zu spüren. Es ist ein Ort, der den Einwohnern des Landes heilig ist – doch der an seinen Besuchern erstickt. Wir informieren uns einige Tage lang, wir wägen ab und diskutieren. Je mehr wir erfahren, desto weniger möchten wir Teil dessen sein. Die etwa 3000 täglichen Besucher, für dessen Masse die alte Stadt mit ihren Terrassen am Berg nie ausgelegt war, gefährden den Erhalt der Inkastätte enorm. Schon seit langem beobachtet die UNESCO die kritische Entwicklung und fordert Maßnahmen. Doch die Touristenströme nach Machu Picchu wachsen weiter und die alten Mauern sinken durch die vielen zwischen ihnen laufenden Füße immer weiter ab. Was wir abgesehen davon über die Tour lesen, sich zwischen tausenden anderen die Treppen morgens um fünf Uhr hochzuschieben, was es kostet und dass eine Besichtigung nur noch für begrenzte Zeit, mit Gruppe und Guide möglich ist – all das schmälert unseren Enthusiasmus enorm. Als wir am Frühstückstisch sitzen, erzählt auch unsere Gastgeberin ein bisschen von Machu Picchu, wie extrem der Touristenandrang in den letzten Jahren geworden ist und dass im Moment Hauptsaison ist. Dann verzieht sie ein wenig das Gesicht und sagt, sie kenne so viele Leute, Peruaner, ihre Freunde, die gern nach Machu Picchu reisen würden, die schon lange davon träumen. Doch sie können nicht, zumindest nicht so wie sie es sich wünschen. Denn für die Reservierung der lange vorher ausgebuchten Züge, für die begehrten Wanderwege, werden Touristen bevorzugt. All die Menschen die hierher reisen, die zu tausenden morgens vor den Toren der heiligen Inkaruine stehen, die über die Ruinen laufen und manchmal sogar ihren Müll verteilen, ja die nehmen den Einheimischen die Plätze weg. In dem Moment, als sie davon erzählt, treffen wir glaube ich beide unsere endgültige Entscheidung. Der Tourismus muss seine Grenzen finden. Wir schauen uns an und wir hoffen vor allem eines: dass Machu Picchu irgendwann seinen Frieden wiederfinden kann. Und dass Reisende nicht bereit sind, jeden Preis zu zahlen, für einmalige Erlebnisse und Fotos, die sie mit nachhause nehmen. Denn wenn sie nachhause reisen, dann bleibt trotzdem ihr Fußabdruck, und hier in Cusco bleiben die von Millionen.

Leider sind es nicht nur die Touristenströme an sich, die ihren Schatten werfen. Denn auch Peru hat gelernt, seinen Nutzen daraus zu ziehen – und das ist auch irgendwie okay. Aber für uns bedeutet das an einigen Toren, an denen wir stehen, dass wir uns abwenden. Weil wir auch im finanziellen Sinne einige Preise wirklich nicht bereit sind, zu zahlen. Aber wir finden einen Kompromiss. Denn was wir wirklich gern sehen wollen ist das Heilige Tal der Inka, und das erreichen wir auch auf eigene Faust!

Es ist unser letzter Tag in Cusco, als wir morgens in einen Minibus steigen. Nach eineinhalb Stunden steigen wir an einer Kreuzung mitten im Nirgendwo um in ein Taxi und landen schlussendlich in dem kleinen Dorf Maras. Es liegt im Sacred Valley, dem Heiligen Tal, das sich von hier aus in einer wunderschönen Kulisse erstreckt. Wir spazieren ein wenig durch die kleinen Gassen des Dorfes und werden freundlich gegrüßt. Danach spazieren wir auf die Berge zu, es geht immer nur bergab, daher sind die nächsten Stunden wirklich mehr ein Spaziergang als eine Wanderung. Doch was immer es ist, es ist beeindruckend schön. Die Berge am Horizont zeigen ihre Gletscher. Die Felder um uns herum leuchten in goldgelb und dunkelgrün. Am Wegesrand wachsen riesige Blumen und Pflanzen, die wir noch nie gesehen haben. Und wir sind die einzigen weit und breit.

Wir spazieren eine ganze Weile durch diese traumhafte Natur, bis wir an den Salzterrassen von Maras angelangen. In den roten Fels der Berge sind unzählige Salzfelder gebaut, in denen das Wasser steht und aus denen Salz gewonnen wird, das ringsherum bereits weiße Krusten bildet. Auf kleinen Pfaden laufen wir durch die Salzterrassen, die schon vor langer Zeit in einem so cleveren System angelegt wurden und unwirklich schön aussehen.

Von hier führt uns der Weg noch weiter bergab, bis in ein kleines Dorf direkt am Ufer des Urubamba Flusses, der ruhig durch das ganze Heilige Tal fließt. An einer Straße angelangt halten wir wieder ein Auto an – in diesem sitzt bereits der Fahrer mit drei Frauen und einem Baby. Und sie alle grinsen uns breit an, signalisieren uns, doch einzusteigen. Alles klar, dann los. Wir fahren nach Urubamba, wo wir uns lachend nach einer wirklich witzigen Autofahrt bedanken und in den Minivan zurück nach Cusco steigen.

Am Abend sitzen wir wieder im Nachtbus. An den Fenstern ziehen die Lichter Cuscos vorüber und wir steuern in Richtung Arequipa. Nun lassen wir diese Stadt hinter uns, mit gemischten Gefühlen, doch vor allem mit Freude und Dankbarkeit.

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Cusco hat für uns vor allem eine Herausforderung bereitgehalten: Nein zu sagen. Es gibt Orte auf dieser Welt, die so schön sind, dass es uns schwer fällt, nicht Teil von ihnen zu sein. Doch manche dieser Orte sind ohne uns besser dran, ja manche brauchen sogar eine Pause. Und da sie diese Entscheidung leider nicht selbst treffen können, haben wir es zumindest für uns und sie getan. Dieser Verzicht ist nicht schön aber uns ist er wichtig. Und doch nehmen wir viele, viele andere schöne Erinnerungen mit, aus dieser besonderen, wunderschönen alten Stadt. 

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