São Paulo – große Stadt mit großem Herz

Nach einer entspannten und herzlichen Zeit in Santos sitzen wir zufrieden auf unseren Sesseln im Bus. Nun ist es Zeit die große Stadt unsicher zu machen. Die größte Stadt Südamerikas und auch eine der größten, die wir auf unsere Reise besuchen werden. Mit ca. 12 Mio. Menschen im Kern und über 20 Mio. in der Metropolregion ist diese Stadt eine der größten auf dieser Welt. Erschlägt sie uns deswegen? Nein, ganz im Gegenteil.

„Fühlt euch wie zu Hause. Hier ist der Schlüssel.“, sagt man uns. Wir befinden uns in einer großen Studenten-WG mitten in São Paulo, als plötzlich die Tür aufgeht und André herein stolpert. Auf genau den wollten wir hier eigentlich stoßen. Ich kenne ihn über die Studentenorganisation AIESEC aus meiner Zeit in Santos, und auch seine uns herzlich begrüßenden Mitbewohner kommen mir teilweise bekannt vor. Wir bekommen wieder wie selbstverständlich eine Couch angeboten und sind direkt Teil des Hauses. Auf geht es in die Stadt. Einfach mal umschauen, herumlaufen, leiten lassen. Wir sehen übergroße und übervolle U-Bahn Stationen, edle Shoppingtempel, gemütliche Cafés, schöne Parkanlagen, verrückt bunte Märkte und vieles mehr.

Im Gegensatz zu asiatischen Großstädten haben wir hier echt selten das Gefühl, Massen von Menschen um uns zu haben. Es gibt sie hier auch – nur nicht so permanent. Ab und zu sind wir tatsächlich beeindruckt, welche Menschenmengen in kürzester Zeit durch die U-Bahn Stationen oder über den Markt in der Straße des 25. März, einer Straße voller Waren und Fälschungen aus aller Welt und für alle Bedürfnisse, rauschen. Dann kommen uns auch Sätze über die Lippen, die Vergleiche zu Bangkok, Kuala Lumpur oder Neu Delhi anstellen. Nein, das hier ist dann doch irgendwie anders. Die Menschen, die Kultur. Man kann den Brasilianern nicht absprechen, etwas ganz besonderes zu sein. Alle haben tierische Freude am Leben, sind laut und eigenartig herzlich – selbst bei dem Verkauf einer simplen Flasche Wasser oder einer Kokosnuss. Alles wirkt temperamentvoller und das kann man ganz besonders auf Märkten in der Metropole feststellen. Wir schlendern noch bis es dunkel wird durch die Straßen und saugen all die Eindrücke auf.

Brasilien ist ca. 24 mal so groß wie Deutschland. Fast der halbe südamerikanische Kontinent besteht aus Brasilien. Der Großteil des Landes ist  vom Amazonas-Regenwald, einem der artenreichsten Gebiete der Welt, bedeckt. Die 200 Millionen Einwohner leben hauptsächlich an der 7,400 km langen Küste… Ich könnte noch Stunden mit Zahlen um mich werfen, um klar zu machen, wie unvorstellbar riesig Brasilien ist und wie wenig wir von dem Land entdeckt haben. Dies war uns jedoch von vorn herein klar und wir haben uns schnell dazu entschlossen, die wenigen Tage lieber dafür zu nutzen, Freunde zu besuchen und ein wenig am brasilianischen Familienleben teilzuhaben. Um wirklich das Land kennenzulernen, müssten wir wohl nochmal einige Wochen anhängen.brasil

Uns wird oft erzählt, welche schönen Gegenden wir  in Brasilien doch noch bereisen könnten, dass wir aber auch bei einigen Regionen auf die aktuelle Sicherheitslage achten sollten. Wir schauen uns oft an und fragen uns, wie viel wirklich dran ist an diesen immer wiederkehrenden Warnungen. Die politische Lage sei oft nicht durchschaubar und es käme regelmäßig zu Ausschreitungen rivalisierender Gruppierungen oder zwischen ihnen und der Staatsgewalt. Im Fernseher laufen Nachrichten, es gab wieder Schusswechsel in Rio… sie scheinen an der Tagesordnung zu sein. Wir sind nachdenklich.

Ein weiteres Problem, das die Menschen hier um uns beschäftigt, ist die Korruption und mangelndes Vertrauen in die Regierung. Brasilianer arbeiten hart, wir werden Zeugen von nicht zu enden scheinenden Arbeitstagen, und haben doch nur sehr wenig am Ende über. Bildungssysteme seien teils unterirdisch, das Studium lang, teuer und meist weniger anerkannt als internationale Abschlüsse. Niemand scheint hier mehr Vertrauen in den guten Willen der Regierenden zu haben. Wir sind nachdenklich.

Nun ist jedoch Freitagabend und die WG ruft auf, das Treiben und Trinken in den Straßen des Viertels zu erleben. Bereits auf dem Weg von der Bahn zur Wohnung sind uns die Menschenmengen aufgefallen, die sich hier vor sämtlichen Kneipen und Imbissen sammeln. Freitag nach der Arbeit geht man hier typischerweise mit seinen Freunden und Kollegen ein Bier (oder auch mehr) trinken und redet sich den Stress der vergangenen Woche von der Seele. Es ist ein festes Ritual und auch André und seine Mitbewohner finden wir eine Straße weiter gut gelaunt bei einem Bier wieder. Nicht lange dauert es und wir haben den ganzen Tisch kennengelernt und erfahren, wo es später noch hingehen soll.  In einer Straße um die Ecke treffe man sich später immer und verweile bis die Läden schließen. Es ist ein spaßiger Abend mit vielen neuen Bekanntschaften und Geschichten. Schließlich treffen wir sogar einen weiteren AIESECer, der uns von einem typischen Tanz erzählt, welcher in seinem ehemaligen Komitee in Salvador getanzt wird. Wini und ich kennen besagten Tanz bereits gut aus unserer eigenen Zeit bei der Studentenorganisation. Er ist auch in Deutschland eine Legende, jedoch ein Ding der Unmöglichkeit für deutsche Hüften. Spät in der Nacht fallen wir ins Bett.

„Dort gibt es alle Früchte, die ihr euch nur erträumen könnt!“, wirft uns André grinsend entgegen. Recht hat er, wie wir ganz bald merken. Heute sind wir mit ihm und seiner Freundin Julia zusammen unterwegs. Trotz der vielen Arbeit und seines nahenden Studienabschlusses wollen sie es sich nicht nehmen lassen, uns die Stadt nochmal zu zeigen. Noch etwas verschlafen vom Vorabend machen wir uns also auf zum Mercado Municipal, einer großen Markthalle im Herzen São Paulos und schlemmen uns gefühlte zwei Stunden durch sämtliche Obststände, die offensiv ihre Früchte anpreisen. Ehe man sich im Klaren ist, um welche Frucht es geht, hat man schon ein Stück in der Hand. Und noch eins. Und noch eins. Es geht ewig so weiter und mit zunehmendem Vitaminspiegel steigt auch unser Tatendrang. Nach dem Markt geht es noch weiter durch die Straßen des Viertels und ihre Märkte, durch China Town und schließlich landen wir im Zentrum der Stadt. Wir stehen nun vor der Geburtsstätte São Paulos. Genau an diesem Ort ist die Stadt im Jahre 1554 gegründet worden. Die Catedral da Sè steht an dieser Stelle des Grundsteins und ist ein imposantes Gebäude, durch welches wir ehrfurchtsvoll gehen.

Wir laufen mitten auf der Straße, schlendern, staunen. Es ist Sonntag und die große Einkaufsstraße Paulista ist heute für den Verkehr gesperrt. Das ist jeden Sonntag so. Viele Menschen aus allen Vierteln der Stadt kommen auf der Straße zusammen, verkaufen ihr Handwerk, zeigen Kunststücke, probieren sich durch frisch zubereitete Gerichte, hören einer Straßenband zu oder tanzen einfach nur wild zusammen. Es ist ein wildes, freudiges Treiben und wir sind beeindruckt von allen künstlerischen Darbietungen und Angeboten, die von allen Seiten auf uns einprasseln. Das wäre doch auch eine super Idee für andere Großstädte, die keinen Bereich für Fußgänger und deren kreative Darbietungen haben – ach was, eigentlich für alle Städte.

 

São Paulo hat uns verschiedene Seiten gezeigt, hat uns Tag und Nacht mit Freude aufgenommen und uns spüren lassen, wie entspannt das Leben selbst in einer Millionenmetropole sein kann. Wir haben die Zeit genossen, haben gestaunt, haben viele Orte von damals nochmals zusammen erkundet. Nun sind wir bereit für unseren nächsten Schritt in Südamerika und einen weiteren in Richtung Peru. Morgen früh geht der Flieger nach Bolivien. Wir sind gespannt auf Kultur, Berge und Eigenheiten, die wir dort entdecken können. Danke Brasilien, danke Santos, danke São Paulo! Vielleicht kommen wir nochmal zusammen. Wini hätte eindeutig nichts dagegen. Man weiß ja nie …

Mehr Geschichten und Bilder aus Brasilien findest du hier!

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