Santos – wieder da, zusammen da

„Hey schau mal! Wir können auch nach São Paulo fliegen. Das ist viel günstiger, als direkt nach Lima.“, grinst mich Wini an. Ich reagiere zunächst belehrend, wie groß Brasilien doch sei und dass die Weiterreise nach Peru ganz und garnicht günstig werden würde.

Ja, eigentlich sollte Peru unser Ziel in Südamerika werden und wir waren gerade auf der Suche nach der besten Flugverbindung von Namibia oder Südafrika aus. Doch an diesem Tag treffen wir eine ganz besondere Entscheidung.

Gebucht! Grinsen. Wir werden einen Stop in Brasilien einlegen, dann weiter nach Bolivien fliegen und über Land nach Peru einreisen. Nun machen wir es also nochmal zusammen!

Bereits 2016 habe ich für acht Wochen in einem kleinen, sozialen Projekt in Santos, einer Stadt an der Küste vor São Paulo, gearbeitet und so in die brasilianische Kultur eintauchen dürfen. Das Projekt wurde von der Studentenorganisation AIESEC organisiert, in der Wini und Ich in Deutschland ebenfalls länger aktiv waren. Es waren beeindruckende und herausfordernde Wochen, aber sie waren eben auch nur ein Teil meiner persönlichen Fernreiserfahrungen. Nun ist es Zeit auch Wini einmal zu zeigen, was ich hier gemacht habe, welche Orte es zu entdecken gibt und welch‘ wunderbare Menschen mich in dieser Zeit begleitet haben. Peru muss sich nun also noch etwas gedulden.

Mit gemischten Gefühlen steigen wir aus dem Flieger. Für mich ist es total verrückt, wieder hier zu sein. Für Wini ist es spannend, nun endlich meine Erzählungen mit gemeinsamen Erlebnissen verknüpfen zu können. Die Sprache, das Terminal, das Grinsen der Menschen. Alles fühlt sich auf einmal wieder an, als wäre es letze Woche  gewesen. Nur eine Sache hatte ich fast vergessen. Die Brasilianer sprechen nur sehr minimalistisch Englisch, selbst am Flughafen ist es selten, dass jemand flüssiges Englisch spricht. Aber… total egal! Jeder Brasilianer, dem wir begegnen, versucht mit riesiger Freude, Portogenglisch und allen Körperteilen so hilfsbereit zu sein, wie nur irgend möglich. Da sind wir also. In Brasilien. Zusammen.

Vom Flughafen in São Paulo geht es zunächst direkt nach Santos. Meine ehemalige Gastfamilie freut sich riesig auf uns und hat uns direkt für unbegrenzte Zeit ein Bett angeboten. Nicht, dass Santos ein Dorf ist, aber mit knapp 500.000 Einwohnern lässt es sich hier doch besser ankommen, als in der größten Stadt Südamerikas. Eine entspannte Stadt, ein langer Strand und alte Freunde warten nämlich genau hier auf uns.

Jetlag? Ausschlafen? Nix da! Seitdem wir im Flugportal auf buchen geklickt haben, freut sich Wini aufs Surfen. Es ist alles wie damals. Eine kleine Surfschule bietet mehrmals die Woche kostenlose Surfstunden an. Die Bedingungen hier sind perfekt zum Üben und die erste Stunde fängt morgens um acht an. Wir sind übermüde, fast pünktlich, überglücklich, stehen auf, reiten auf den ersten Wellen. So kommt man doch gerne an. Mächtig stolz klatschen wir uns ab und gehen mit unseren riesigen Anfänger-Boards wieder in Richtung Surfschule.

„Es sind alle so nett, so cool, so locker. Man fühlt sich überhaupt nicht unsicher.“, resümiert Wini bereits nach den ersten beiden Tagen. Wir waren am Strand unterwegs, sind durch die Stadt gebummelt und haben uns durch die ein oder andere Speisekarte gefragt. Für mich sind es alte Eindrücke, die sich bestätigen, und für Wini ganz neue, die sie vielleicht nicht ganz so erwartet hat. Doch für uns beide steht fest, dass wir uns hier richtig wohl fühlen.

Es soll noch besser kommen. Das Wochenende bricht an und natürlich lassen es sich unsere Gastgeber nicht nehmen, uns zur Großmutter einzuladen. Leckeres Essen, eine große Familie, Nachbarn, wildes Treiben, hin, her und natürlich wieder superfreundliches und interessiertes Portogenglisch aus allen Ecken des Wohnzimmers.

Wir sind uns nicht ganz sicher, wer so richtig verstanden hat, warum wir da sind und was wir noch vorhaben. Es spielt aber auch eher eine Rolle, dass wir uns willkommen fühlen und zu allen familiären Aktivitäten des nächsten Tages eingeladen werden. Und natürlich müssen wir auch satt werden. Es ist einfach herrlich, wie damals, nur diesmal kann Wini diese unbegrenzte und tief ehrliche Gastfreundschaft miterleben.

Schweißperlen glänzen auf meiner Stirn und während wir zusammen mit der Familie die Stufen zum Monte Serrat erklimmen, wird uns die Geschichte zu diesem erklärt. Auf dem Gipfel erreichen wir eine Kirche und die Stufen zu dieser sind quasi ein Pilgerweg, den es zu bewältigen gilt. Der wahre Grund unseres Ausflugs ist jedoch die Aussicht über ganz Santos. Auch hier gibt es wieder einige Geschichten über alte Sagen, den Hafen und geheime Casinos zu erzählen, bevor wir uns wieder auf den Heimweg machen.

Am Abend nach diesem typisch verrückten, wilden und herzlichen Familientag haben wir noch eine weitere Verabredung. Wir treffen zwei Freunde, die damals mein Projekt mit organisiert haben. Mittlerweile hat sich in ihren Leben so einiges geändert und staunend erzählen wir uns alle Neuigkeiten. Es ist so cool zu hören, wie sie ihre Träume und Ziele ansteuern und ganz nebenbei erfahren wir, dass wir sie vielleicht schon ganz bald auf Reisen durch Europa beratschlagen dürfen.

Am nächsten Tag treffen wir uns erneut und lassen uns verborgene Strände rund um Guarujá zeigen. Dies ist ein typischer Ausflugsort für die Großstädter aus São Paulo, die sich nach etwas Entspannung am Strand sehnen. Wir genießen die entspannte Beach-Hopping Tour und lassen den Tag bei einer Runde Pastel ausklingen. Das ist ein typisch brasilianisches Gericht. Am nächsten kommt dem wohl eine Panzarotti, wie wir sie aus der Heimat kennen. Fritierter Teig mit verschiedensten Füllungen. Man findet sie an fast jeder Straßenecke und  sie sind ein günstiger Snack, den auch Wini schnell lieb gewinnt.

Ständige Begleiter meiner Erzählungen waren jedoch nicht nur diese, sondern auch die süßen Verführungen des Landes, die man überall auf der Straße findet. Heiß, kalt, groß, klein, mit Topping oder ohne. Die Brasilianer lieben Açaí, Churros, Doce de Leche und vieles mehr. Den ganzen Tag, überall. Zugegeben… wir auch!

Mein Herz pocht, ich bin richtig aufgeregt. In unseren Händen haben wir Kuchen und eine Tüte Äpfel. Karina kommt auf uns zu und heißt uns auf Portogenglisch willkommen. Wir stehen mitten in den Räumlichkeiten des Esculpir Projekts. Hier habe ich vor fast zwei Jahren täglich mit Herz und Engligisisch meinerseits mit Kindern des Viertels gespielt, gebastelt, musiziert, gelernt und gelacht. Ich muss sie natürlich besuchen und schauen, was aus all ihnen geworden ist. Wie das Projekt läuft und wer mich noch wieder erkennt. Ich bin überglücklich so viele Kinder wiederzusehen und Wini ist grinsend begeistert von all den Eindrücken. Wir bekommen spontan ein kleines Konzert, von einigen Kindern, die sich Gitarren schnappen und revanchieren uns später mit Nachtisch. Es ist emotional wieder hier zu sein und noch emotionaler mit Wini hier zu sein.

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Die letzten Tage in Santos verbringen wir hauptsächlich am Strand. Weitere Surfstunden, Spaziergänge und Träumereien von unserer weiteren Reise lassen uns langsam Abschied  nehmen und die Vorfreude auf das nächste Abenteuer steigen. Mit dem Bus fahren wir nun nach São Paulo.

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Viel zu wenige Tage, die viel zu schnell verflogen sind. Viel zu viele Erinnerungen, die ich auffrischen wollte und viel zu wenige Dinge, die ich Wini zeigen konnte. Doch trotzdem war es eine wunderbare Zeit, die für uns beide eine ganz besondere Bedeutung hatte. Teile unserer Vergangenheit und Gegenwart konnten wir hier verschwimmen lassen. Teile meiner Erfahrungen zu gemeinsamen Erfahrungen werden lassen. Santos war besonders, ganz besonders. Es war schön, wieder da zu sein. Zusammen da zu sein.

Muito Obrigado, Santos!

Mehr Geschichten und Bilder aus Brasilien findest du hier!

 

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