Namibia – zu dritt Richtung Süden

Für uns beide war es das erste Mal, dass wir den afrikanischen Kontinent betraten. Nach einem halben Jahr in Asien fühlte es sich an, als würden wir in einer anderen Welt landen. Unsere Erde besteht aus so vielen verschiedenen Welten, aus so vielen einzigartigen Puzzleteilen. Und wir entschieden uns, unsere ersten Schritte und unsere volle Zeit auf dem afrikanischen Kontinent einem Land zu widmen, von dem wir schon lange träumten. Namibia.

Als wir aus dem Flugzeugfenster blicken, selbst irgendwo zwischen den vielen einzelnen Schäfchenwolken, sehen wir nur weites Land. Hier und da zieht sich eine lange gerade Straße oder ein ausgetrocknetes Flussbett durch die Steppe, ansonsten ist nichts zu sehen. Die Landschaft wechselt und mischt Grün und Rot. Keine großen Städte, keine Häuser, kein Lichterchaos, nichts. Das hier ist der stärkste Kontrast zu den letzten Monaten, den wir uns vorstellen können. Namibia ist etwa doppelt so groß wie Deutschland, hat aber nur 2 Millionen Einwohner und ist nach der Mongolei damit das am zweitdünnsten besiedelte Land unserer Erde. Und genau so sieht es von oben auch aus… Das bedeutet, dass ca. die Hälfte der Einwohner Berlins auf dieser riesigen Fläche leben, sich dabei aufteilend auf ein paar mittelgroße Städte und vor allem die großen verästelten Flussdeltas ganz im Norden an der Grenze zu Angola.

 

Ein paar Minuten und Gedanken später landen wir an einem Flughafen, mitten in dem großen Nirgendwo. Als wir die Stufen zum Teer hinuntersteigen können wir so weit gucken, wie noch nie auf irgendeinem Flughafen, irgendwo in der Ferne zeichnet sich der Horizont ab. „Was ist das für ein verrücktes schönes Land?“, lachen wir uns an.

Wir werden vom Flughafen abgeholt und fahren 47 Kilometer bis in die Hauptstadt Namibias, Windhoek. Der Fahrer von unserem Guesthouse dreht ein paar Extrarunden, erzählt, dass alle hier froh seien, dass es in den letzten zwei Jahren wieder geregnet habe und dass es nicht immer ganz so leer sei, sondern jetzt am Osterwochenende die meisten Leute auf dem Land bei ihren Familien seien. Er fährt mit uns nach Katutura und zeigt uns das Township Windhoeks. Er erklärt uns, dass Katutura soviel heißt wie „Ort an dem man nicht leben möchte“ und hier – er zeigt mit dem Finger eine imaginäre Line – früher die Grenze zwischen Schwarz und Weiß verlaufen sei. Wir lauschen gespannt, stellen Fragen, beobachten, und sehen ein Armenviertel, das uns ohne Frage berührt, aber so viel gepflegter und ordentlicher aussieht, als die letzten Eindrücke erschreckender Armut, die uns in Indien entgegengeschlagen sind. Wir wissen noch nicht, dass wir diesen Ort noch einmal, noch intensiver, und aus einer ganz anderen Perspektive sehen werden.

Als Ostern vorüber ist, Windhoek langsam wieder zum Leben erwacht, und wir uns vor Vorfreude kaum noch halten können, starten wir in unser eigentliches Namibia-Abenteuer. Denn wir haben uns dafür entschieden, Namibia so kennenzulernen, wie es am einfachsten und besten, aber auch am nächsten und intensivsten geht. Mit dem Auto. Unser 4×4 Toyota Hillux rollt schneeweiß und glänzend auf den Hof des Guesthouses und die Sonne lacht unersättlich. Nachdem uns der junge Mann, der das Auto netterweise früh morgens hierher gebracht hat, uns alles gezeigt hat, rollen wir mit unserem riesigen, bereits getauften „Toto“ direkt wieder vom Hof hinunter. Ab jetzt sind wir zu dritt.

 

Jan manövriert uns durch den Linksverkehr, zum Supermarkt, und nach einem Großeinkauf aus Windhoek hinaus. Die Musik schallt aus den Lautsprechern, die Sonne scheint auf unser Dach, aber die frische Luft pustet uns ins Gesicht. Wir fahren auf einer asphaltierten Straße Richtung Süden, durch Grün und Berge, und begegnen hier und da noch einem Auto oder LKW. Wir wissen noch nicht, was wir in den nächsten drei Wochen alles sehen und erleben werden. Wir wissen noch nicht, welche Herausforderungen uns erwarten oder wie oft wir unsere Route ändern, die noch gar nicht richtig steht. Aber wir wissen, dass sich das, was gerade passiert, anfühlt wie die absolute Freiheit.

Schon heute ändert sich unser Plan gegen Nachmittag etwa alle zehn Minuten. Denn wir sind später losgekommen, als wir geplant hatten, und erreichen deshalb nicht mehr unser eigentliches Ziel. Ein bisschen nervös, weil die Sonne bald untergeht, navigiere ich Jan nun über kleine staubige Straßen, bis wir den Campingplatz auf unserer Karte erreichen. Er gehört zu einem kleinen privat-staatlichen Naturschutzgebiet und hält direkt die erste Überraschung für uns bereit. Denn für das, was wir hier eh zahlen, um zu übernachten, dürfen wir gleich morgen früh die erste kleine Safari durch das Game Reserve auf der anderen Seite des Damms machen.

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Als unser Auto endlich auf dem Campingplatz steht, ist es dunkel und wir schmunzeln beide vor Vorfreude auf das, was uns jetzt erwartet. Die erste Nacht im Zelt – auf dem Autodach. Diese Dachzeltkonstruktion haben wir noch nie vorher irgendwo gesehen, aber in Namibia überall. Das System scheint simpel und hat viele Vorteile gegenüber einem Bodenzelt, vor allem in einem Land wo wilde Tiere aller Art und Größe unterwegs sind. Wild campen ist ganz und gar nicht empfohlen, aber dafür gibt es auch überall Campingplätze – und Lodges für 200€ die Nacht. Doch ich bin mir sicher, auch wenn wir es uns hätten leisten können, hätten wir uns für die Dachzeltvariante entschieden. Denn es stellt sich als das coolste Campingerlebnis, was wir je hatten, heraus. Naja, als wir dann das erste Mal im Dunkeln das Zelt aufgebaut hatten, die Mechanismen verstanden, alle Schlaufen gefunden haben und dann endlich im Bett liegen. Auf dem Dach von diesem Auto, auf diesem Campingplatz, den wir noch nie im Hellen gesehen haben, in einem Land, durch das wir nun drei Wochen reisen und von dessen Schönheit wir denken, eine Vorstellung zu haben. Hatten wir nicht.

Bei Tagesanbruch, nach einer unruhigen ersten Nacht voller Geräusche, die jedes Tier hätten sein können, aber nur dem Wind geschuldet waren, sehen wir den Campingplatz, unser Zelt, das ganze Setting, zum ersten Mal im Hellen. Es sieht aus wie auf den Werbebildern, dieses grüne Zelt auf dem weißen Auto, während wir frühstücken. Dann wird es wieder eingepackt, festgeschnallt und es geht los. Wir fahren durch ein großes Tor mit der Aufschrift „Hardap Dam Game Reserve“ und starten in unsere erste Safari. Dass das direkt am zweiten Tag des Roadtrips passieren würde, hätten wir kaum erwartet, aber umso mehr Spaß haben wir.

 

Toto stellt sich als gute Wahl heraus, an den steilen Hängen und den steinigen Schotterstraßen beweist er, wofür seine Karosserie und Reifen gemacht sind. Und das auch in den folgenden Tagen. Denn nachdem wir schon am zweiten Tag Zebras, Warzenschweinen, Giraffen, Kudus und Gamsböcken begegnen durften, fahren wir beseelt weiter zum nächsten Ziel. Und die Ashpaltstraße von gestern weicht schnell den Schotterpisten, die den Großteil von Namibias Infrastruktur ausmachen, nur 10% der Straßen hier sind befestigt. Besondere Freude hatten wir an den so genannten „Wellblechstraßen“, die ihren Namen ziemlich wörtlich ihrer Beschaffenheit verdanken. Hier haben sich waagerechte Rillen auf der Fahrbahn gebildet, sodass man dauerhaft beim Sprechen stottert und das ganze Auto rüttelt. Das kann schon mal Stunden so gehen, aber dafür entschädigt die Natur um uns herum, die immer atemberaubender wird.

 

Am späten Nachmittag erreichen wir eine Farm, auf deren Gelände wir campen wollen. Sie liegt direkt am Köcherbaumwald und während wir am Empfang warten, läuft ein Warzenschwein zur Tür herein. Der Inhaber bietet uns an, an der Gepardenfütterung teilzunehmen. Klar, denken wir uns, warum nicht. Mit ein paar anderen Leuten warten wir um Punkt fünf Uhr vor den Gittern, hinter denen die zwei Raubkatzen bereits auf und ab laufen – und Geräusche von sich geben, die wir niemals Geparden zugeordnet hätten. Der ältere Herr kommt mit einem Eimer und bittet uns alle hinein. Wir schauen uns an und bewegen uns keinen Zentimeter. Auch die anderen Gäste sind sichtbar verunsichert. Wir hatten damit gerechnet, die Fütterung außerhalb des Geheges zu verfolgen. Nach ein paar Sekunden vertrauen wir uns der Situation an und betreten mit großen Augen und Gänsehaut das Reich der Katzen. Die beiden sitzen bereits vor einem großen Berg Fleisch und interessieren sich nicht besonders für ihre Zuschauer. Der Farmer erklärt, Geparden greifen in der Regel nur kleinere Lebewesen an und solange man nicht quietschend wegrenne sei man eher uninteressant für sie. Geparden sind in der freien Natur die schnellsten Lebewesen an Land. Diese zwei, die als Waisenkinder auf die Farm gebracht wurden, würden dort nicht überleben, sie sind zu langsam. Und doch verlassen wir das Gehege voller Ehrfurcht und Faszination. So nah sind wir einer Raubkatze noch nie gewesen.

 

Der nächste Morgen beginnt mit einem Ständchen im Zelt, als die Sonne aufgeht. Denn Jan hat Geburtstag. Und der wird heute inmitten von Namibias typischen Köcherbäumen und auf dem Giants Playground gefeiert. Dieser Ort ist wirklich verrückt, mitten im Nirgendwo haben sich unendlich scheinende Felsansammlungen gebildet, die keinesfalls willkürlich verstreut, sondern von der Natur fein säuberlich sortiert aussehen. „Wie passiert so etwas? Was ist hier vor sich gegangen, wie hat die Natur das geschaffen?“ Jan ist fasziniert von den gestapelten Steinen und der Aussicht bis zum Horizont. Und ich habe das Gefühl, ihm doch etwas schenken zu können dieses Jahr, auch wenn es nichts materielles ist. So fallen wir beide nach einer halben Stunde Herumklettern mit rotem Gesicht aber lächelnd auf den Autositz und drehen die Klimaanlage hoch. Denn je weiter wir südlich fahren, desto trockener und heißer wird es draußen.

 

Den Geburtstagsnachmittag und -abend verbringen wir schließlich am Fishriver Canyon. Der Fishriver, als längster Fluss Namibias bekannt, hat sich hier, nachdem ein Riss entstanden war, einen 160 Kilometer langen Weg durch die Felsen gebahnt. An den tiefsten Stellen misst der Canyon 550 Meter. Es ist der größte Canyon Afrikas und der zweitgrößte auf der ganzen Welt, so weit das Auge reicht tut sich das Flussbett im Boden auf. Doch heute wirkt der dunkel gefärbte Fishriver nur wie ein Rinnsal in den Weiten des Canyons, es ist kaum vorstellbar, was für ein Strom er gewesen sein, wie sich all das über Millionen Jahre entwickelt haben muss. Als die Sonne über den riesigen Schluchten untergeht und der Himmel sich wie jeden Abend rot färbt, stoßen wir an. „Happy Birthday.“

 

 

Es waren nur die ersten drei Tage unseres Roadtrips, die ersten von einundzwanzig. Sie haben uns herangeführt an das, was noch folgen sollte, Namibia hat uns willkommen geheißen, in jederlei Hinsicht. Es waren unsere ersten achthundert Kilometer, immer Richtung Süden. Und nun waren wir bereits am südlichsten Punkt der Route angelangt, weiter geht es in den Westen…

 Mehr Geschichten und Bilder aus Namibia findest du hier!

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  1. Caro sagt:

    Wooow. 🙂

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