Pokhara – am Nebelsee

Wenn man in der kleinen Stadt am See steht, könne man 8000er Gipfel sehen, sagte man uns. In dieser kleinen Stadt direkt an der Himalaya Gebirgskette. In Pokhara wollten wir die letzten Tage vor dem Abenteuer verbringen. Hier wollten wir Kraft tanken und die letzten Vorbereitungen treffen. 

Es ist gerade sieben Uhr morgens als wir unser Hotel in Kathmandu verlassen. Mit Rucksäcken auf dem Rücken und vor der Brust, mit Wasserflaschen in der Hand, spazieren wir durch die noch ruhigen Gassen der Hauptstadt. Noch etwas verschlafen aber auch voller Vorfreude. Wieder einen Schritt näher. Wenn da nur nicht diese Busfahrt wäre…

Wir biegen um die letzte Kurve, die man uns beschrieben hat und stehen tatsächlich vor einer Armada von Bussen. Für Nepals Verhältnisse sind sie alle ganz gut in Schuss. Ein Wunder, wie wir bald feststellen, bei dem was die jeden Tag mitmachen! Ein Mann mit Bauchladen fängt uns ab und sucht für uns den richtigen Bus. Also er läuft uns voraus an der ganzen Reihe Busse vorbei und fragt lauthals nach „Rainbow Tours?!“. Es ist der orange Bus ganz vorne. Wir kaufen ihm eine Fanta ab und machen es uns bequem. In diesem orangen Bus. In dem wir die nächsten acht Stunden verbringen sollen. Und ein wenig später rollt er los. Ja, tatsächlich in einer unfassbaren Kolonne mit all diesen anderen Bussen. Genau um die gleiche Zeit, mit genau dem gleichen Ziel. Aber in verschiedenen Preiskategorien.

In Nepal gibt es nicht besonders viele Straßen, die geteert sind. Ein paar direkt in den Städten, manchmal ein Stückchen unterwegs. Aber zum Großteil sind selbst die auf der Karte groß orange eingezeichneten Hauptstraßen eins: Schotterpisten. Und auf denen sind wir jetzt unterwegs. Schon als wir aus Kathmandu hinaus fahren wechseln sich unter uns Kies und Schlaglöcher ab. Nicht im Jeep. In einem für Nepals Verhältnisse ganz gut erhaltenem Bus. Und das bedeutet vor allem eins: Es rüttelt und wackelt und hüpft. Es ist nicht so, dass wir nicht gewusst hätten, dass die Busfahrt so lang dauert. Es ist auch nicht so, dass wir nicht wussten, wieso. Immerhin liegt Pokhara gerade einmal 200km im Westen Kathmandus. Aber es ist einfach wieder eine ganz neue Dimension von Busfahren. Die meiste Zeit können wir es mit Humor nehmen. Denn immerhin eins hat der Straßenbelag für sich: Rasen tut hier niemand. So bleibt das Adrenalin der Busfahrten auf Sri Lanka aus und wir können uns gemütlich umschauen. Die Fenster bleiben allerdings meist geschlossen – zu staubig. Es ist wirklich Wahnsinn wie alles am Straßenrand im Staub versunken ist. Bäume, Sträucher, Häuser. Sogar der Müll, der sonst bunt am ganzen Straßenrand entlang leuchten würde. Jedes Auto. Alles was an den kleinen Raststätten als Snack ausgelegt ist. Wieder einmal fragen wir uns, wo all dieser Staub herkommt – und wie man etwas dagegen unternehmen könnte. Mitten durch die steinigen Berge und die kleinen Dörfer, die in weiterer Ferne im Grünen stehen, schlängelt sich ein breiter Fluss.

Es ist also fast 16 Uhr, als wir aus dem Bus wanken. Auf dem Touristenbusplatz ist viel Getummel und wir setzen uns direkt ins nächste Taxi. Wollen jetzt einfach nur endlich ankommen. Wir fahren zum Youth Hostel an der Lakeside Pokharas  – also direkt an den See. Der Phewa See. Schon aus dem Auto können wir ihn ab und zu erhaschen. Und auf dem Weg zeichnet sich Stück für Stück ein ähnliches Bild wie in Kathmandu. Je näher man auch hier dem Touristenzentrum, das natürlich genau dort, an dieser wunderschönen Panoramapromenade, liegt, kommt…desto mehr Outdoorshops gibt’s. Einfache Gleichung in Nepal! Aber trotzdem verzaubert uns der Ort auch schon auf den ersten Blick ein wenig. Es ist klein und gemütlich, gibt viele süße Läden mit Handarbeit und liebevoll eingerichtete Restaurants. Das einzige, was im ersten Moment fehlt, ist der Ausblick. Pokhara hüllt sich in dieselbe Glocke, die wir seit Kathmandu nicht losgeworden sind. Also hoffen wir mal wieder auf Regen. So sehr wie nie zuvor. So sehr wollen wir uns den Bergen endlich nah fühlen… Wir sind da. In dem Hostel von dem wir in diesem Moment nie geahnt hätten, wie viel Zeit wir letztendlich dort verbringen würden.

Jeden Morgen wenn wir in den folgenden Tagen aufstehen, gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte zuerst: Man sieht immer noch nichts. Nur diesen mysteriösen Nebelsee. Wobei – was man zumindest ziemlich gut sieht, sind die unzähligen Paraglider, die vom Berg über den See segeln. Das ist immerhin ein ziemlich schönes Bild! Und was für ein beeindruckendes muss es erst aus der anderen Perspektive sein… Aber dann auch noch die richtig gute Nachricht: Es gibt Nepali Frühstück! Und der volle Teller mit Spiegelei, Toast und angebratenen Kartoffeln mit Gemüse bringt uns immer zum Strahlen. Spätestens hinterher. Wir haken noch die ein oder andere Kleinigkeit in den Straßen Pokharas von unserer Liste ab, SIM Karte, Hose, zweite Trinkflasche, dies und das. Wir spazieren an der Seepromenade entlang, träumen von dem Blick über die mystischen dunklen Berge und beobachten die bunten Ruderboote. Und wir baden in unserer Vorfreude. Abends sitzen wir mit unserer Karte und den Handys da, planen die Route, gucken die Wettervorhersage an, legen schon mal Sachen raus … bald geht’s los. Bei mir mischt sich in die tierische Vorfreude auch tierische Aufregung. Denn vor der Wanderung, in die wir nun starten wollen, und für die wir 10-14 Tage einplanen, waren meine längsten Wanderungen genau einen Tag lang.

Es ist Sonntag. Wir spazieren die Hauptstraße hinauf, weg von der Lakeside, zum ACAP Office. Ausgerüstet mit Plan und Passfotos. Denn gestern, samstags, war in Nepal quasi Sonntag – alles zu. Also heute noch das letzte und wichtigste besorgen: unsere TIMS (Trekkers Information Management System) und ACAP (Annapurna Conservation Area Permit). Zwei Dokumente, die jeder Wanderer, der sich auf einen Trek ins Himalaya bzw. Annapurna Gebiet begeben möchte, braucht. Denn hier nimmt es niemand auf die leichte Schulter, trekken zu gehen. Jeder Wanderer wird registriert und muss einchecken, sich an verschiedenen Posten zwischenmelden und wenn er das Wandergebiet verlässt, wieder auschecken. So werden nicht nur die Touristenströme verfolgt und analysiert, sondern es wird auch darauf geachtet, dass möglichst niemand einfach nicht wieder kommt. Wir haben uns dagegen entschieden, einen Guide oder einen Porter (Träger) zu engagieren. Nachdem wir mit vielen Leuten gesprochen haben, und alle sich einig waren, dass die Treks, die wir laufen wollen, alleine kein Problem sind, wollten wir nicht nur das Geld sparen. Ein Träger wäre für uns einfach sowieso nicht infrage gekommen. Wir beide waren uns sofort einig, dass nur mit auf die Berge kommt, was wir selbst hochtragen können, und niemand für uns schleppen wird. Was hier die moralisch richtige Antwort ist, kann man diskutieren. Wir sind uns immer noch einig. Tja, und ein Guide. Der gibt natürlich Sicherheit. Und er kann viel erzählen über die Orte, an denen man entlangwandert. Über Nepal und seine Geschichte. Aber wenn schon alle sagen, es ist kein Problem, wollten wir eins viel lieber: Die Zeit dort ganz für uns haben. Nur wir mittendrin. Naja und weil wir niemanden über eine Agentur gebucht haben, stehen wir nun also hier. Am Schalter mit den ganzen Zetteln, die wir ausfüllen müssen. Und bekommen am Ende unsere zwei Eintrittskarten in die Hand gedrückt.

Wir stehen vor der Tür. Grinsen und fallen uns in die Arme. „Das war’s. Jetzt haben wir alles.“ „Morgen geht es los“, entgegnet Jan. Morgen geht es los.

Wir stehen verschlafen im Türrahmen und können plötzlich unsere Augen erstaunlich weit aufreißen. „Es hat geregnet!“

Pokhara_View

Anscheinend hat es das letzte Nacht in Strömen getan….denn zum ersten Mal, seit wir an diesem Ort sind, kann man die Berge hinter dem See sehen. Der Phewa Lake selbst glitzert in der Morgensonne, die es zum ersten Mal richtig auf seine Oberfläche schafft. Und hinter dem Dach des Nachbarhauses können wir ein bisschen weiß erahnen. „Los, ab auf die Dachterrasse!“ ruft Jan, schon halb die Wendeltreppe hoch. Damit haben wir wirklich nicht mehr gerechnet. Vom Dach aus können wir ihn dann klarer sehen: Den Gipfel. Die oberste Spitze des 7000 m hohen Fishtail Mountains – oder Machapuchhre wie man ihn hier nennt. Er ist so weit weg. Dieser weiße Gipfel sieht ein bisschen unreal aus, wie er da einfach rausguckt. Aber da wollen wir hin – also zumindest in die Richtung – denn er liegt auch in unserem Wandergebiet. Also ist es wahr. Von Pokhara aus kann man Gipfel sehen. Wenn man weiß von wo – und wenn der Staub richtig steht.

Als wir um halb acht mit dem Taxi auf die Bushaltestelle zufahren, bleibt uns der Mund offen stehen. Mit nichts als den zwei Rucksäcken für die nächsten zwei Wochen bei uns fahren wir auf ein Panorama zu, das wir uns nicht erträumt hätten. Der Machapuchhre und die sich links und rechts anschließende Bergkette leuchten uns in einem strahlenden weiß stolz entgegen. Als würden sie uns einladen, als wären sie endlich bereit. Mit dem breitesten Grinsen seit Tagen und Wochen setzen wir uns in den Bus. Jetzt geht’s los.

pokhara_himalayab.jpg

Pokhara hat uns langsam, ganz langsam und entspannt in Richtung Himalaya geleitet. Die kleine Stadt bietet Ruhe und Gelassenheit – die vor Vorfreude kaum zu ertragen war, aber nach der Rückkehr umso besser getan hat. Und deswegen sind wir auch nach unserer Wanderung noch eine ganze Weile in der kleinen Stadt am See geblieben. Haben ein paar Tage verstreichen lassen und alle Eindrücke so sorgfältig abgespeichert wie nur irgendwie möglich. 

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