Neu Delhi – goldbunt und staubgrau

Sollen wir es machen? Oder nicht? Sollen wir es wirklich machen? Oder lieber nicht? Wir waren uns lange nicht sicher, ob wir auf dieser Reise einen Besuch in Indien einbauen. Bis zum letzten Tag wussten wir nicht, was uns erwarten würde. Wie jedes Mal vor einem neuen Land waren wir aufgeregt – aber diesmal war es irgendwie anders. Wir müssen vorsichtig sein, hat man uns gesagt. Seid gefasst darauf, schockiert zu sein und passt gut auf euch auf. Das haben wir versucht – so sehr man sich nun mal eben in seinem Kopf darauf vorbereiten kann. Und trotzdem wollten wir offen sein – für das Schöne, für das Bunte und das Spannende. 

Seit bestimmt zwanzig Minuten hat Jan nichts gesagt, auch ich gebe nur gelegentlich ein „Ah“ oder „Mhm“ nach vorn. Mehr ist grad einfach nicht mehr drin. Krishna, der Fahrer, plappert ununterbrochen während er uns durch Delhis Abendverkehr manövriert. Weil wir abends gelandet sind, wollten wir erstmal nur schnell und sicher zum Hotel. Während wir in Chennai und auch hier am Flughafen völlig überrascht waren, wie ruhig und entspannt alles zugeht, sinkt jetzt gerade wieder unser Mut. Wir wissen ja, dass wir aufpassen müssen, aber… „Never ever trust the Kashmiri people…“ wiederholt Krishna gerade wieder seine persönliche Lektion Nummer eins. Schon bevor wir ins Auto gestiegen sind, hat sein Vortrag über die Gefahren und Vorsichtsmaßnahmen als Tourist in Indien begonnen – und bis jetzt reißt er nicht ab. Nicht draußen rumlaufen wenn es dunkel ist, nicht mit TukTuks fahren, weil sie uns nur zu falschen Touristenbüros bringen, wo wir gedrängt werden Reisen zu buchen, und so weiter. Das meiste haben wir vorher schon gehört und gelesen, die Geschichten die er von Chloroform und Abzocken auspackt, erschrecken uns allerdings etwas. Wir starren inzwischen beide stumm aus den Fenstern in die Dunkelheit und fragen uns vor allem eins: Stimmt all das? Wie wird wohl unsere Zeit in Indien? Wie sicher werden wir uns fühlen?

Als der nächste Morgen anbricht und wir zum ersten Mal Delhis Straßen aus dem Hotelfenster im Hellen sehen, wirken sie schon viel weniger bedrohlich. Alles ist ziemlich grau vor Staub und es liegt viel Müll herum – aber überall sind Leute unterwegs und es ist ganz „normales“ Leben und Treiben auf den Straßen.

Trotzdem lernen wir direkt unsere persönliche Lektion Nummer eins: Rechnet immer eure Preise und euer Wechselgeld nach! Wir glauben es kaum, als wir vor der Tür stehen und gerade beim Auschecken bei jedem einzelnen Schritt zu viel bezahlt hätten, hätten wir nicht jedes Mal darauf hingewiesen. „Schlitzohren“ hören wir uns sagen – und versuchen unsere ersten Erfahrungen nicht gleich als Vorurteil gegenüber allen Indern abzuspeichern. Aber ein bisschen bedient es natürlich trotzdem unsere Sorgen, denn dass es Absicht war, lässt sich gerade leider nicht schönreden.

Defence Colony

Der Verkehr in Neu Delhi erinnert uns an Jakarta … wer anhält, verliert, wenn’s steht, dann steht’s. Und doch ist hier alles wieder ganz anders. Während wir wieder im Auto durch die Stadt fahren, sehen wir zum ersten Mal, was das bedeutet wovon alle sprechen, wenn es um Indien geht. Den „Kontrast“. Reichtum und Armut prallen wohl nirgendwo sonst so extrem aufeinander wie hier. Wir fahren durch wilde und chaotische, aber auch durch super schicke, teure Viertel. Auch hier in Delhi laufen Menschen durch die rollenden Autoreihen und wollen verkaufen. Junge Männer, alte Männer, Mütter mit Babies. Aber hier laufen auch Kinder durch die rollenden Autoreihen und wollen etwas zu essen. Als das erste mal ein Straßenkind an unsere Scheibe klopft, erschrecke ich mich fürchterlich. Ich kann kaum hinsehen, diesem kleinen staubigen Gesicht in die Augen schauen, aber auch überhaupt nicht reagieren. Wir haben gerade wirklich überhaupt nichts bei uns, was wir ihm geben können. Nichts was mir auf die Schnelle einfällt. Mein Kloß im Hals ist riesig. Ich sehe zu Jan rüber und er erwidert genau den Blick, der wohl auch in mein Gesicht gemeißelt ist. Bevor wir nachdenken können, schickt der Fahrer das Kind mit einer Handbewegung weg. Wir entscheiden in genau diesem Moment, von nun an immer ein bisschen Essen dabei zu haben.

Eins überrascht uns aber auch sehr positiv: weit und breit gibt es keinen Smog. Die Bilder, die wir aus den Nachrichten kennen, hatten uns das Schlimmste befürchten lassen. Die Luft ist zwar nicht frisch und sauber – aber man kann ganz normal weit sehen und merkt auch beim Atmen nicht viel von der Verschmutzung. Zumindest jetzt. Es liegt wohl an der Jahreszeit, wir scheinen zwischen Monsun, Hitzewelle und Smog da zu sein – gutes Timing! Außerdem geht die Regierung offenbar gegen das Niederbrennen von Feldern in der Umgebung der Stadt an. Ein erster Schritt in die richtige Richtung! Und direkt beantwortet sich auch die Frage der Fragen: Ja, in Indien laufen Kühe auf der Straße herum. Oder chillen halt eben. Auch in Delhi.

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Wir landen im Viertel Defence Colony. Katharina erwartet uns bereits, sie nimmt uns für unsere Zeit in Delhi bei sich auf. Unser größtes Glück! Sie ist ebenfalls Deutsche und lebt im Moment hier in Indien. Es tut gut, sich auszutauschen, zu registrieren, dass sie unsere ersten Eindrücke sehr gut versteht – aber auch zu merken, dass all das hier alltäglich sein kann. Das Viertel ist definitiv eins der wohlhabenderen – wenn auch nicht vergleichbar mit dem irrsinnigen Reichtum, den es auch gibt. Es ist eine kleine Blase inmitten des Delhi-Chaos. Vor den Türen sitzt Sicherheitspersonal und auch Hunde wachen am Eingang. Der Weg zum Markt ist kurz und dort bekommt man alles, was man braucht. Wirklich alles. Es ist ziemlich sauber und ruhig – ein Ort, an den wir uns zurückziehen können, um alles zu verarbeiten, dem wir so begegnen. Es ist perfekt für unsere Zeit hier.

Lotustempel

Unser erster Ausflug soll zum Lotustempel gehen. Und weil wir es einfach mal ausprobieren wollen, entscheiden wir uns für die Metro. Hier ist alles super modern! Wir müssen durch die Sicherheitsschleuse – ich bei den „Ladies“, Jan bei den „Gentlemen“. Hier hat jedes Geschlecht seine eigene Schlange, kontrolliert werde ich dementsprechend immer nur von einer Frau. Und das ist nicht das Einzige. Als wir an den Bahnsteig treten, leuchtet uns in Pink das Schild entgegen. „Women only“.

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Die ersten Wagen jeder Metro sind reserviert für Frauen. Männer dürfen hier nicht rein – und das wird auch strikt eingehalten. Eine Sicherheitsmaßnahme. Eine präventive Vorkehrung. Schlimm nur, wenn es zum Schutz der Frauen notwendig ist. Die Gewalt gegen und Unterdrückung von Frauen ist hier auf jeden Fall ein Thema und die Geschlechtertrennung an der Tagesordnung.  Es ist paradox … ein Tabuthema das immer und überall präsent ist. Wenn auch nicht so offensichtlich in der Mittelschicht, die in der Metro sitzt, und der wir meist begegnen. Auch im gemischten Abteil sind einige Frauen unterwegs. Ich finde die Vorstellung so oder so gut, die Wahl zu haben. Wenn man hier abends oder nachts die Metro nehmen muss, die Möglichkeit zu haben nur unter Frauen zu sein. Zumal es in Indien, vor allem an öffentlichen Orten, einen enormen Männerüberschuss gibt. Egal wo wir sind, aber vor allem in der Metro, finde ich mich oft inmitten von Männergruppen wieder. Meine Gedanken schweifen ab und ich frage mich, wie es ist hier in Indien als Frau in die Armut geboren zu werden. Wie man es schafft, dort draußen zurecht zu kommen. Und wie lange. Die meisten Frauen in meinem Alter, die auf der Straße leben, haben ein Baby auf dem Arm – oder schon zwei Kinder an den Händen. Und sonst nichts. Gar nichts. Diese Vorstellung trifft mich immer wieder, nicht selten steigen mir die Tränen in die Augen. Egal wo ich gerade bin. Es ist einfach ungerecht. Und keine unserer Rupien wird an den Strukturen hier etwas ändern. Ein paar Kekse helfen für den Moment, und im Kleinen zu helfen ist besser als gar nicht, da bin ich sicher. Aber ich würde so gern die Knöpfe drücken, die alles ändern. Die Dinge in die Hand nehmen, gerade rücken, das System verändern. Jemanden aufwecken. Irgendwie. Wir sind da. Steigen aus der Bahn und laufen zum Tempel. An den Straßenrändern stehen kleine Streetfood- und Souvenirstände. Viele Menschen stehen, sitzen und liegen daneben und dazwischen herum. Es ist nicht besonders sauber, oft riecht es unangenehm. Als wir durch die Pforten der Tempelanlage gehen, verändert sich das Bild radikal. Um uns nur noch Touristen, Einheimische, Ausländer – alle mit Kamera oder Selfiestick in der Hand. Wir werden durch die Gebetshalle geschleust, die tatsächlich einen unfassbar schönen Klang erzeugt. In der hohen Kuppel hallt der Singsang, der durch das Mikrofon ertönt, lange nach.

Als wir abends im Bett liegen, sind wir erschöpft. Wir haben gar nicht so viel gemacht, im Vergleich zu sonst. Aber Delhi strengt an – die vielen Menschen, die krassen Eindrücke, die vielen Gedanken, die Lautstärke, die Gerüche und die auch ohne Smog schlechte Luft. Wenn man in die Wohnung kommt, entsteht immer das Gefühl, dass man die Außenwelt stumm schaltet. Pause.

Freitagsmoschee

Ein ähnliches Bild wie am Lotustempel zeichnet sich an allen Sehenswürdigkeiten. Davor die Armen, die versuchen, etwas zu verkaufen oder betteln. Oder einfach nur noch schlafen. Und hinter den Toren die Massen von Touristen mit ihren Kameras. Wir erleben dieses Szenario auch am nächsten Tag vor dem Red Fort (wobei wir uns sparen hinein zu gehen) und an der Freitagsmoschee.

Wir sitzen lange auf den Stufen vor der Moschee und beobachten das Treiben. Die Touristen, die Einheimischen. Den eigentlich bunten, aber vor Staub grauen, chaotischen Markt. Die Bettler auf den Stufen. Jedes Mal dasselbe. Und irgendwie sind beide gesellschaftlichen Seiten unangenehm – auf keiner möchte man gern stehen. Natürlich ist Armut an sich nichts, womit wir zum ersten Mal konfrontiert werden. Armut in dieser Form und Masse aber schon. Leider scheint eine magische Anziehungskraft von unserer Hautfarbe auszugehen. Wenn die Hände nach Geld und Essen gestreckt werden, dann oft besonders schnell und besonders penetrant in unsere Richtung. Wir möchten gerne geben. Am liebsten alles was wir haben und noch mehr – so viel, dass es allen besser geht. Es ist ein Thema, das uns ebenfalls viel beschäftigt. Denn wir sind uns einig – wenn wir könnten, würden wir gern allen helfen. Und wir sind gern bereit, es im Kleinen zu tun, immer wieder ein bisschen zu geben. Das machen wir auch. Aber unsere Gespräche darüber enden jedes Mal im selben Dilemma. So lange das System sich nicht ändert, sind es Tropfen auf dem heißen Stein. Und – wir möchten nicht auf unsere Hautfarbe reduziert werden. Denn das tun wir auch nicht. Wir wissen, dass wir sehr viel weniger besitzen, als der Anteil der Inder, der den Reichtum dieses zerklüfteten Landes auf sich vereint. Sehr viel weniger. Das Land gilt nicht mehr als arm, Indien ist eine der größten Volkswirtschaften der Welt, und doch hat es einen unfassbaren Armutsanteil. Es ist eine Problematik, die innerhalb des Landes, der Kultur, gelöst werden muss. Kasten sind offiziell verboten – und trotzdem existieren sie in den Köpfen. All dem zum Trotz möchten wir gern geben, Gutes tun, dafür sorgen dass es irgendjemandem ein bisschen besser geht. Aber als Gast. Wir möchten Gäste bleiben. Und nicht die Weißen mit dem Geld. Es ist ein schwieriges Dilemma. Und auch diese Gedanken packen uns immer und immer wieder.

Old Delhi

Gemeinsam mit Katharina erkunden wir am Wochenende die Old Town. Die Altstadt Neu Delhis ist eine ganz besondere Herausforderung – nicht nur was die etwas schwierige Orientierung in den kleinen Straßen und Gassen angeht. Es ist das Delhi, was man sich irgendwie vorstellt. Rappelvoll mit Menschen, Autos, TukTuks und Rollern zwischen kleinen Häusern, Hütten und Buden. Alles hupt und die Schilder und Fassaden lassen unter dem grauen Staub nur noch ihre bunten Farben erahnen. Wir laufen zum Gewürzmarkt, eine Straße voll mit Gewürzläden und -Ständen. Eimerweise gibt es alle möglichen Geschmacksrichtungen, die am Wegesrand leuchten. Wir steigen eine Treppe in einem Hinterhof hinauf. Ich muss niesen, die Schärfe der Chilischoten, die hier umgepackt werden, liegt in der Luft. Oben angekommen finden wir uns auf einer Dachterrasse wieder – mit Blick über die Hinterhöfe des Gewürzmarktes und direkt in den Hof einer Moschee. Wir bleiben eine ganze Weile hier oben. Beobachten das Treiben unten – Arbeiten, Waschen, Essen, Beten,…und auch hier oben auf den umliegenden Dächern ist ganz schön was los!

Die Massen schieben uns hin und her, überall um uns herum sind Menschen. Und alle drängeln von der Seite, von hinten, jeder will als Erster voran. Aber es geht nicht voran. Die ganze Straße ist voll mit Autos und TukTuks und Rikschas und alle sind verkeilt. Keins der Fahrzeuge bewegt sich mehr, aber alle hupen. Drum herum versuchen sich all diese Menschen daran vorbei zu quetschen – und wir. Hier finde ich es nicht mehr so lustig, man kommt nirgendwo raus, muss sich einfach dem Geschubse hingeben. Auch die anderen beiden haben genug von Old Delhi an einem Samstag und wir beginnen mit TukTuk Fahrern zu verhandeln.

Main Bazar

In einem kleinen Restaurant am Main Bazar finden wir einen kurzen Moment Ruhe. In einem Hinterhof von der Haupteinkaufsstraße verstummt der Lärm ein bisschen und wir können unser Essen genießen. Bei Pakoras (frittierte Gemüsebällchen), Paneer Parantha (mit Käse gefülltes Chapatibrot) und Masala Chai resümieren wir nochmal unseren Abstecher in der Altstadt. Ein spannender Ort. Und ein anstrengender Ort. Aber definitiv einen Besuch wert. Als wir den Laden verlassen, nimmt die Geräuschkulisse wieder zu. Auf der Straße ist es nicht extrem voll, dafür wird man wieder öfter angesprochen. Ob man Streetfood möchte, einen Pulli vielleicht, oder eine Sonnenbrille? Es ist die Backpackergegend und wir sehen tatsächlich recht viele Touristen herumlaufen.

Und auch hier strecken sich einem die Hände der Kinder, der jungen Frauen und der Alten entgegen. Wir teilen die Kekse, die wir uns gerade gekauft haben, auf ein paar Kinder auf und schlendern durch die Seitenstraßen. Hier kann man es tatsächlich schlendern nennen. Genauso wie abends, als wir zum Abschluss des Tages den Lajpat Nagar Markt besuchen. Der ist bei uns um die Ecke und man kann ihn sich ein bisschen vorstellen, wie eine deutsche Innenstadt. Viele Läden, größer und kleiner, aber auch viele Straßenstände. Alles ist voll mit Textilien jeglicher Art, Kleidung, Stoffe, wunderschöne bunte Saris und Tücher, schöne Handarbeit, aber auch viel Günstiges und Kunststoff. Auf jeden Fall bekommt man alles – und das zu unvorstellbaren Preisen. Als wir nachhause gehen ist es das erste Mal, dass wir wirklich im Dunkeln in Delhi unterwegs sind. Es ist zwar nicht besonders spät und trotzdem ungewohnt. Zu dritt und in dieser Gegend fühlt man sich nicht unsicher – aber alleine, da sind wir uns alle einig, würden wir es definitiv vermeiden.

Grüne Oasen

In den nächsten Tagen besuchen wir Hauz Khas und den Lodhi Garden – beides Parkanlagen um Grabstätten herum. Es sind grüne Oasen inmitten Delhis, in denen wir einfach sitzen und auf Seen oder Blumen schauen können, Vögel beobachten oder die schönen Bauwerke bewundern. Es tut gut, man kann fast ein bisschen die Seele baumeln lassen – auch wenn man natürlich nicht der Einzige ist, der dafür her kommt … Während wir so auf den Stufen vor einer großen Grabstätte sitzen, fragen wir uns, welchen Sinn und Irrsinn all das hat. In dieser Gesellschaft, in der es so viele Bedürftige gibt. In dieser Gesellschaft gibt es eben auch einige, die sehr viel haben – und während ihres Lebens entscheiden, es hier zu investieren. In ihre letzte Ruhestätte. Kaum zu glauben. Aber immerhin haben sie damit diese Zuflucht aus dem Trubel der Stadt geschaffen.

Connaught Place

Ungefähr das Gegenteil von Ruhe finden wir am Connaught Place. Auch hier: Die Absurdität von Wohlstand und Konsum gegenüber der bitteren Armut. Wir laufen im Kreis, immer an Geschäften vorbei. Läden und Marken, die wir kennen, die uns aber auch in der Heimat zu teuer wären. Wir suchen ein Café – einfach mal einen Moment hinsetzen und das Treiben beobachten. Aber nichts da. Nicht hier. Das einzige was wir finden, sind Bars zu denen wir hochgehen könnten – wo es leider nur Schnaps und Bier gibt. Wir kommen aus dem Wundern nicht so recht raus. Während wir zwischen schick angezogenen Menschen mit Einkaufstüten und barfüßigen Personen, die auf dem Boden sitzen und uns ihre Handarbeiten oder ihre Hände entgegenstrecken, hindurch laufen, kommen wir uns einfach nur bescheuert vor. Was ist das für ein Ort? Wie kann man es genießen, hier teuer einzukaufen? Oder gar sinnlos Geld auszugeben? Und welchen Sinn hat das alles überhaupt? Dieser Konsum, dieses Kaufen. Wir verspüren nicht einen Moment das Bedürfnis zu „shoppen“. Wir dachten der Connaught Place sei ein Ort, an dem wir uns wohlfühlen könnten. Dass es Bekanntes gibt und wir uns treiben lassen können. Aber wir wollen einfach nur weg.

Wir wissen, wir können nicht von Neu Delhi auf ganz Indien schließen. Wir wissen, es ist anders hier als in kleineren Städten oder in der Natur. Wir wissen, wir riskieren einen sehr einseitigen Eindruck von der Kultur. Aber irgendetwas hält uns hier. Nicht nur ein bisschen Krankheit und diese Sache mit dem Züge buchen in Indien – die echt unbeschreiblich nervig, anstrengend und auch noch teuer ist. Irgendwie brauchen wir diese Zeit, um überhaupt in Delhi anzukommen. Um überhaupt ein bisschen von dem zu verstehen, was um uns herum passiert. Und nicht einmal die zwei Wochen reichen dafür annähernd. Ich habe keine Vorstellung davon, wie lange man bleiben muss, um wirklich zu verstehen. Und erst recht habe ich keine Idee, wie lange man durchhalten muss, um wirklich etwas zu ändern.

Gandhi Smriti Museum

Ein Besuch, der uns in Erinnerung bleiben wird ist der im Gandhi Smriti Museum. Auf dem Anwesen, wo Gandhi seine letzte Lebenszeit verbracht hat, wo er geschlafen, gearbeitet und nachmittags öffentlich gebetet und Reden gehalten hat, erfahren wir mehr über Mahatma Gandhi. Also eigentlich Mohandas Karamchand Gandhi. Über sein Leben und sein Wirken, seine Visionen und seine Aktionen.

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Es ist verblüffend. Nicht nur, dass er all das bereits vor hundert Jahren gedacht, gesagt und öffentlich ausgerufen hat. Sondern vor allem, dass die Themen, die ihn angetrieben haben und für die er gekämpft hat, noch immer aktuell sind. So viele Menschen verehren ihn. Und doch ist irgendwie vieles wie damals. Es weckt Erinnerungen an Ho Chi Minh in Vietnam, auch seine Worte konnten wir nehmen und ins Jahr 2018 übertragen. Wieso sind wir so inkonsequent? Menschen zu folgen und zu verehren, die für das Gute kämpfen – aber nichts davon umzusetzen? Frieden, Gleichheit, Gerechtigkeit … Wir könnten schon so viel weiter sein. Wenn nicht immer die, die am meisten haben, am meisten Angst hätten es zu verlieren. Wenn die, die Macht haben, sie positiv nutzten. Und wenn die, die den ganzen Tag mit reden beschäftigt sind auch noch Zeit hätten, etwas zu tun. Ich merke, dass ich ungeduldig werde. Mit der Welt, mit der Menschheit. Mit all den Fragen, mit all diesen immer wieder gleichen Fragen ohne Antwort. Und im nächsten Schritt mit mir. Denn auch das bringt nichts – all das ist vergangen, aber wie kann die Zukunft besser sein?

Surajkund Mela

Unser letzter Ausflug in Neu Delhi führt uns heraus aus der Stadt. Wir besuchen die Surajkund Handicraft Mela, eine riesige asiatische Handarbeitsmesse. Wir freuen uns und sind gespannt – es soll sehr voll sein. In der Metro Richtung Süden ist es aber noch angenehm leer. Wir schauen aus dem Fenster, Häuserblöcke und Straßen ziehen an uns vorbei. Als wir durch die äußeren Stadtteile fahren, sehen wir die Mülldeponien. Was organisiert klingt, ist es nicht. Es sind einfach Berge von Müll, abgeladen am Stadtrand. Sogar aus der Ferne kann man erahnen, wie groß diese Berge sind. Wir haben schon davon gehört, und auch von den Bedingungen unter denen die Menschen – meist Frauen und Kinder – dort arbeiten. Zwischen Essensresten und Plastik sortieren sie auch Chemieabfall und Krankenhausmüll barfuß und mit bloßen Händen. Oft gerade mal ein Kampf ums Überleben. Ja, wir wissen es. Aber nein, wir können es uns nicht vorstellen. Als wir aus dem Bahnhof gehen, schlägt uns die Luft entgegen. Seit ein paar Tagen ist sie nicht mehr so gut wie anfangs. Man merkt jedes Mal wenn wir das Haus verlassen, wie die Nase und die Augen laufen, wie der Hals kratzt.  Es ist kaum zu sehen und trotzdem ist es überall.

Die Messe macht wirklich Spaß. Es ist tatsächlich voll aber dadurch, dass alles draußen im Freien stattfindet, ist es immer noch entspannt genug, um sich in Ruhe umzuschauen. Überall sind kleine Stände aufgebaut, vor allem Textilien werden zur Schau gestellt. Alles leuchtet bunt und glitzert golden. Wir laufen weiter und weiter, die meisten Aussteller sind indisch. Es gibt auch Schuhe, Schmuck, Lebensmittel, Kunst, Töpferwaren, und und und. Ab und zu verlaufen wir uns oder verlieren den Überblick wo wir gerade sind – das Gelände ist riesig. In einer Ecke finden wir ungefähr zwanzig Stände aus anderen Ländern, und auch hier macht es Spaß, sich umzuschauen.

Überall gibt es Essensstände, wie das auf einer Messe so ist, und neben dem Gelände ist ein kleiner Freizeitpark aufgebaut. Nach vier Stunden stehen wir am Zaun und schauen den Riesenrädern bei ihren halsbrecherisch schnellen Umdrehungen zu. Wir sind zwar kaputt, weil es voll und laut und viel war. Aber es war auch schön, spannend und recht sauber. Die Messe hat uns ein bisschen über den Tellerrand Delhis blicken lassen. Über das staubbedeckte Grau hinaus, hat uns wieder die bunten Seiten des Landes und der Kultur gezeigt, die manchmal so schwer zu sehen sind.

 

Die Zeit in Neu Delhi war eine Herausforderung für uns – und doch bleibt sie uns auch eine wertvolle Erinnerung. Wir waren schockiert, wir waren wütend und wir haben uns viele Fragen gestellt – und doch haben wir so viel gelernt. Die Zeit in Neu Delhi brauchten wir, um wirklich anzukommen, um einzutauchen und zu verstehen. Und wir sind gespannt, was Indien uns darüber hinaus für Geschichten erzählt und erzählen lässt, wenn wir in einigen Wochen zurückkehren. 

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