Mirissa und Pitiwella – Zauber des Ozeans

Manchmal passiert es ganz spontan. Der Moment ist einfach da. Wir bekommen die Gelegenheit, und wir ergreifen sie. Einen Traum zu verwirklichen. Etwas zu erleben, womit wir überhaupt nicht gerechnet haben. Und an Orten zu landen, die wir uns so schön niemals hätten vorstellen können. Zum Beispiel hier unten, im Südwesten Sri Lankas, wo nichts als Blau zwischen uns und der Antarktis liegt. 

 

Mirissa

Von Matara geht es mit dem nächsten Bus direkt weiter nach Mirissa. Wieder ein ganz kleiner Ort, direkt am Südwestzipfel Sri Lankas. Dieser Ort hat nicht nur einen wirklich schönen Strand – sondern auch eine ganz besondere Lage. Mirissa liegt am allernächsten an Vertiefungen in der Kontinentalplatte im indischen Ozean. Nur wenige Kilometer vor der Küste der Insel herrschen deshalb Meerestiefen von über 1000 Metern. Und deswegen halten sich dort ganz besondere Tiere gern auf: Wale. Nicht irgendwelche Wale. Hier kann man Blauwale sehen. Denn im Gegensatz dazu, wie sie sonst häufig umherziehen, ist die Population hier ortstreu. Das heißt, die Wale, die hier leben, sind immer da. Noch niemand weiß so recht wieso. Erst als der Bürgerkrieg in Sri Lanka zu Ende ging und der Meeresraum wieder freigegeben wurde für „normale“ Schifffahrt, wurden die Blauwale und ihr Verhalten entdeckt. Wir hatten nie auf dem Schirm, dass wir auf Sri Lanka vielleicht eine Whale Watching Tour machen würden. Aus Zufall sind wir darauf gestoßen, auf Mirissa und den Whale Watching Club. Eine Organisation, die die Touren nachhaltig und möglichst unbelastend für die Tiere gestaltet. Kein Hetzen oder Verfolgen, Anlocken oder Austricksen der Meeressäuger. Einfach nur rausfahren, Motor abstellen und beobachten. Wir diskutieren eine ganze Weile, ob wir es machen. Lohnt es sich? Finanziell? Und vom Erlebnis? Ist es ethisch vertretbar? Klar ist eine faire Tour gut, aber noch besser wäre es natürlich alle Tiere einfach in Ruhe zu lassen. Whale watching hat allerdings (wenn es vernünftig betrieben wird) auch einen Sinn. Es steckt die Idee dahinter, vielen Menschen das Leben und die Magie der Ozeane zu zeigen. In ihnen damit Mitgefühl und den Ehrgeiz zu wecken, dieses Leben zu schützen. Und auch wir sind uns sicher – es würde unser Verständnis von all dem, was es dort draußen am Horizont unter dem blauen Mantel gibt, wieder verändern. Wir machen es. Wenn nicht jetzt, wann dann. Wenn wir nicht bereuen wollen, etwas nicht getan zu haben, dann los.

Um 05.40 Uhr morgens werden wir abgeholt. Um sechs Uhr sitzen wir mit dreißig anderen Passagieren an Bord und das Boot legt ab. Jeder hat beim Einchecken eine Tablette gegen Seekrankheit bekommen. Unsere stecken in der Hosentasche – mal sehen wie’s läuft. Langsam schieben wir uns in Richtung Sonnenaufgang, immer weiter weg vom Hafen. Immer weiter raus, auf den offenen indischen Ozean. Es gibt Frühstück, ein Sandwich, Pancake und Obst. Immer wieder bekommen wir Getränke und Snacks. Langsam sieht man das Festland kaum mehr am Horizont. Der Wellengang wird wilder, je länger wir fahren. Das Boot hüpft auf und ab. Die Bilanz nach der ersten Stunde sind viele kleine blaue Tüten im Mülleimer (Seekrankheit) und einige Passagiere, die nur noch vornüber gelehnt auf ihren Sitzen sitzen, ein paar von ihnen schlafen. Es tut uns Leid, das Elend zu sehen – aber ein bisschen schmunzeln müssen wir, denn es sind die großen starken Männer vor uns, die zuvor laut grölend den Morgen eröffnet hatten, die nun ganz still sind. Aber dann geht es los. Einer der jungen Männer, die die Crew bilden ruft und zeigt auf’s Wasser. Der Motor des Boots geht aus und es kippt zur Seite, als alle Passagiere sich in die gleiche Richtung lehnen. Nur wenige Meter von uns entfernt steigt die Fontäne auf. Und dann sehen wir den nassen grauen Hügel, der sich darunter her schiebt. Das Loch, aus dem der Blauwal ausatmet. Und wir wissen, wie klein dieser Teil an der Oberfläche ist, im Vergleich zu dem, was gerade unter Wasser schwimmt. Nur ein kleiner Teil des Rückens wird beim Ausatmen sichtbar – das auch noch ein paar Mal. Aber die Größe des Riesen kann man sich trotzdem kaum vorstellen. Es ist das größte Lebewesen, das jemals auf unserem Planeten gelebt hat. Was uns hier so nah ist, ist größer als jeder Dinosaurier, den es gab. Ehrfurcht ist vielleicht der richtige Ausdruck für das, was wir fühlen. Als wir hier an der Reling stehen, auf und ab wippen, und uns wieder mal so winzig klein fühlen. Auch beim nächsten Wal. Diesmal atmen alle an Bord gespannt ein. Denn der Wal dreht und schwimmt in unsere Richtung. Die Fontäne steigt auf und nur kurz vor unserem Boot taucht er wieder vollständig ab. Er muss jetzt genau unter uns sein. Ich habe eine Gänsehaut. Selbst das Boot auf dem wir stehen ist winzig für ihn.

Wir sehen noch mehr Blauwale – fünf insgesamt. Zwei tauchen sogar mit erhobener Fluke ab. Inzwischen ist mir allerdings auch ziemlich übel. Es sind drei Stunden rum und ich bleibe nun lieber sitzen. Trotzdem bin ich froh, die Tablette nicht genommen zu haben. Die Männer, die sie feierlich genommen hatten, schlafen jetzt allesamt. Und schlecht war ihnen offenbar genauso sehr. Also bekomme ich doch lieber noch was mit! Und es lohnt sich – denn auf dem Weg zurück Richtung Festland haben wir noch ein paar fröhliche Begleiter. Ein Schwarm Spinner Dolphins sammelt sich um unser Boot. Sie mögen es, im Bugwasser zu schwimmen – und zu unserem Vergnügen auch, Luftsprünge zu machen. Es wirkt, als seien die Tiere neugierig. Sie kommen immer mal wieder, tauchen wieder ab, drehen Kreise. Immer mit mehreren, immer synchron. Ein wunderschönes Schauspiel! Ein unvergesslicher Tag!

Als wir zuhause auf dem Bett liegen, fühlt es sich immer noch ein bisschen an, als ob alles schaukelt. „Kannst du glauben, dass wir heute wirklich Blauwale gesehen haben?“ „Nein. Haben wir aber. Ganz wirklich, ganz frei und ganz nah!“ Das Grinsen lässt uns nicht los. Was immer man über die Walbeobachtung sagen kann, uns hat sie auf jeden Fall berührt.

Pitiwella

Am nächsten Morgen sitzen wir in der Hängematte im Hof des Homestays. In Mirissa haben wir wieder bei einem lieben älteren Ehepaar gewohnt. Sie haben nicht so viel Englisch gesprochen, aber ihrer Gastfreundschaft hat das keinen Abbruch getan. Gerade warten wir auf einen Freund von ihnen, der heute morgen zufällig hier war und uns angeboten hat, uns mit nach Pitiwella zu nehmen. Ein kleines Dorf nahe der Stadt Galle – ein bisschen weiter nördlich von hier. Er wollte schon vor einer Stunde da sein und wir glauben kaum noch dran, dass er kommt. Aber plötzlich steht er tatsächlich im Tor und winkt uns zu. Er entschuldigt sich tausendfach und sponsert uns als Entschädigung fürs Warten zwei Getränke. Wir lachen wieder einmal, vor Freude über die so netten Menschen hier auf Sri Lanka – kein Problem. Immerhin nimmt er uns ganz umsonst die Strecke mit!

Und dort wo wir aussteigen, finden wir das Paradies. Ein junger Mann steht auf der Straße und grinst uns breit an, als wir ankommen. Er führt uns durch das kleine dunkle Haus der Familie, und als wir zur Hintertür wieder heraus treten, bleibt uns fast der Atem stehen. Wir blicken zwischen zwei kleinen weißen Cabanas direkt aufs Meer.

pitiwella_cabanas

Unter unseren Füßen ist Sand, als wir zu unserer süßen Hütte gehen. Es ist wirklich zu schön um wahr zu sein. Vom Bett aus kann man das Meer nicht nur rauschen hören, sondern auch sehen, wenn die Tür offen steht. Hier verbringen wir unsere letzten zwei Tage auf Sri Lanka – und es ist der perfekte Abschluss. Shehan, der junge Mann, der  hier mit seiner Familie lebt und offensichtlich die Vermietung der Cabanas übernimmt, bringt uns zwei zu Mäusen geschnitzte Kokosnüsse. Er strahlt, wann immer wir ihn treffen. Wir sind sofort überzeugt, er macht das mit Herzblut und ist auf eine ganz ehrliche Weise einfach glücklich, wenn er Gäste an diesem schönen Ort hat.

Unsere Zeit hier verbringen wir hauptsächlich direkt am Strand. Die Strömung im Wasser ist enorm, dafür kann man sehr weit noch stehen, denn tief ist es nicht. Die Wellen brechen kraftvoll und wirbeln den Sand auf.  Shehan erklärt uns, die Regierung habe Steinblockaden an die Strände setzen lassen. Er zeigt nach rechts auf einen Steg aus Felsen. Das führe allerdings dazu, dass die Strände verschwinden. All das, wo jetzt dieses flache Wasser ist, sei mal Strand gewesen. Es ist kaum zu glauben – aber erklärt, wieso man überall stehen kann. Wir hoffen einfach, dass es diese kleinen Cabanas hier am Strand noch lange geben wird. Dass dieser Ort einfach bleibt. Und dass Shehan noch viele Gäste haben wird!

Die Zeit verfliegt, und als wir uns verabschieden, bin ich zum ersten Mal wirklich traurig, dass wir einen Ort verlassen müssen. Hier hätte ich es eine ganze Weile ausgehalten, glaube ich. Hier, wo wir stundenlang auf den rauschenden Ozean schauen können – und immer wissen, dass nichts als Blau zwischen uns und der Antarktis liegt. Aber manchmal leben diese zauberhaften Orte ja auch gerade dadurch in so einer Schönheit in unseren Erinnerungen weiter, dass wir nicht lange genug bleiben konnten.

pitiwella_beach02

Man soll gehen, wenn es am schönsten ist. Und in diesem Moment verlassen wir Sri Lanka. Als wir es wirklich lieben gelernt haben. Als wir angekommen sind.

 

Wir wollten immer nach Sri Lanka. Wieso? Keine Ahnung. Es fühlte sich einfach an, als sei das ein besonderer Ort. Einer, den wir unbedingt entdecken wollen. Und das war er. Sri Lanka hat uns überrascht und berührt, uns so viele bunte Seiten gezeigt, und viele kennen wir immer noch nicht. Aber wir würden jederzeit wieder antworten „Sri Lanka“. 

 

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