Nordvietnam – ein Museum wird lebendig Teil 2: Sapa

Die letzte Etappe in Vietnam führt uns in den kalten, rauen Norden. Sie lässt Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen, auf unserer Reise zwischen moderner Metropole und traditioneller Bergkultur.

[…]

Sapa

Wir sitzen in dem Nachtbus, der uns nach Sapa bringen wird. Nein, das stimmt nicht. Wir liegen in dem Nachtbus, der uns nach Sapa bringen wird. Wir haben uns entschieden, in die Berge zu reisen. Und keine der Agentur-Touren zu nehmen. Also haben wir uns selbst den Nachtbus und ein Homestay in Sapa gebucht. Und dieser Nachtbus ist ganz schön verrückt. Es gibt drei Reihen und zwei Etagen von Bettsitzen. Man liegt und steckt die Beine unter den Sitz des Vordermanns. Die oberen Sitze erreicht man über eine Leiter, Hochbetten quasi. Die Gänge zwischen den Reihen sind so schmal, dass man kaum dazwischen durch passt, ansonsten ist es eigentlich ganz bequem. Der Motor brummt und die Lichter der Stadt beginnen, an uns vorbeizuziehen. Während die Musik in meinen Ohren summt, fallen mir schon die Augen zu.

hanoi_sapabus

Ab und zu wache ich auf, weil wir Pause machen, oder mir kalt wird, oder ich mich irgendwie in eine andere Position drehen muss. Langsam tut alles ein bisschen weh. Wir erreichen Sapa um vier Uhr morgens, bis sechs dürfen aber alle Passagiere noch in ihren Sitzen schlafen. Dann werden wir wach gemacht und es geht los. Ich ziehe schnell alles an, was ich im kleinen Rucksack habe, bevor wir aussteigen müssen, denn ich friere tierisch. „Hello, Hotel?“ „Homestay, Sir?“ „Where do you go?“ „You go trekking?“ Während wir völlig zerknittert und verschlafen aus dem Bus steigen und uns unser Gepäck erkämpfen sind wir umzingelt von Leuten. Um sechs Uhr morgens stehen die hier und fangen die Touristen ab…wir schlängeln uns durch und laufen los Richtung Homestay. Es ist dunkel und neblig, man kann kaum fünf Meter weit sehen. Aber es sind einige Leute unterwegs und auch Autos fahren schon umher. Sapa ist nicht groß, aber verwinkelt, und manchmal führen Treppen auf und ab.

„Good morning!“ Mit einem Tee werden wir im Little Sapa Homestay begrüßt. Im Eingangshof brennt ein Feuer, und wir setzen uns dazu. Hände wärmen über der Glut. Bei Pancakes und Omelett erzählt uns der Hausherr vom Winter, von der Umgebung, zeigt uns Wanderwege auf der Karte, und bietet uns an, mit einem Guide eine kleine Tour zu laufen. Durch drei Dörfer, mit Mittagessen und Bus zurück. Wir überlegen kurz, ob wir zu müde sind…aber freudige Aufregung macht sich schon breit.

Ihr Name ist Zeing, ob man das so schreibt weiß ich nicht. Sie auch nicht, sie kann ihren Namen nur auf vietnamesisch buchstabieren. Ihr Stamm ist der der Black H’mong. Als sie bei uns am Feuer sitzt, betrachte ich sie von der Seite. Ihr Gesicht ist flach, sie hat eine winzige Nase und Lachfältchen. Die Haut sieht robust aus, die Haare sind kunstvoll um den Kopf gewickelt. Sie trägt bunte Klamotten und Stulpen an den Beinen, die mit bunt gemusterten Bändern oben festgebunden sind. Ihr Hände sind blau verfärbt. Die junge Frau ist für heute unser Guide, mit ihr und einem spanischen Pärchen maschieren wir los.

Es ist immer noch neblig, wir können nicht viel von dem sehen, was um uns herum ist. Während wir das Dorf verlassen und langsam in kleine matschige Pfade abbiegen, gesellen sich noch drei weitere Frauen zu uns. Sie sind alle älter als Zeing, aber genauso gekleidet. Zwei von ihnen tragen Gummistiefel. Keine schlechte Idee, wie wir bald merken. Die vier Frauen sind ziemlich klein, selbst ich fühle mich neben ihnen riesig. Sie grinsen uns alle an und fragen auf Englisch nach unseren Namen und wo wir herkommen. Auf ihren Rücken tragen sie Körbe, was drin ist sehen wir nicht. Wir sind jetzt also zu acht, die vier Frauen, die zwei Spanier und wir. Und eigentlich ein ziemlich cooles Team. Wir kraxeln durch die Feldwege, mal bergauf, mal bergab. Und es wird immer matschiger. Matschig heißt an dieser Stelle wirklich matschig. Bei jedem Schritt, den man macht, rutscht man ein Drittel wieder nach hinten. Das Gleichgewicht zu halten ist die Königsdisziplin und das einzige, womit man wirklich beschäftigt ist. Während wir wild hin und her sliden, stapfen die Frauen sicher voran und reichen uns die Hand, wenn es mal brenzlig wird. Als die kleine Frau meine Hand greift, bin ich fast erschrocken mit welcher Kraft sie das tut. Unfassbar, wie sehr sie es gewohnt sind, hier lang zu laufen. Es ist Winter, nass, kalt, neblig. Die Reisfelder um uns herum sind braun und graugrün. Ab und zu lichtet sich der Nebel und man kann die trotzdem beeindruckende Landschaft erhaschen. Reisterassen, die sich die ganzen Berge hinaufziehen und kleine Häuser hier und da im Tal. Ich kann mir kaum vorstellen, wie atemberaubend schön dieser Ort im Sommer sein muss, wenn alles grün leuchtet und die Sonne scheint.

Von einem Hügel aus können wir eine Opferzeremonie beobachten. Eine Menschenmenge steht vor einem Haus. Die Frauen erklären uns, ein Wasserbüffel wurde geschlachtet und den verstorbenen Vorfahren als Opfergabe gebracht.

In den Dörfern, durch die wir wandern, zeigt uns Zeing die Handwerke der Einwohner. Vor allem arbeiten sie mit Textilien. Sie weben Stoffe und färben sie mit Indigofarbe. Deshalb sind ihre Finger so blau. An den kleinen Hütten hängen vorn traditionelle Kleider und Tücher. Ich sehe die Vitrinen aus dem Museum in Hanoi vor mir. Die Ausstellungsstücke, genau dieselben Muster, genau gleich gefertigt, wie all das hier.

Ich sehe die Infotafeln vor mir, mit den Namen der Stämme, all diesen Wörtern unter denen ich mir nicht viel vorstellen konnte. Ein kleiner Teil dessen, was ich im Kopf versucht habe, lebendig werden zu lassen, ist jetzt real. Wir stehen mitten drin.

Außer den Black H’mong leben in einem Dorf auch die Mong-Sao, die sonst zum großen Teil auf der anderen Seite des Berges angesiedelt sind. Ich frage Zeing ob das Zusammenleben harmonisch ist, oder ob es zwischen den Stämmen Konflikte gibt. Sie erzählt, hier sei es friedlich. Die Menschen tolerieren einander und inzwischen sei es sogar möglich, jemanden aus dem anderen Stamm zu heiraten. Früher sei das undenkbar gewesen, man habe ja nichtmal dieselbe Sprache gesprochen. Aber heute könnten alle hier zumindest Vietnamesisch. Und nach dem Vorbild der moderneren Orte in Vietnam, passe man sich was solche Fragen angeht langsam an. Ich frage und frage, sie ist sehr gelassen und erklärt ganz offen wie das Leben hier funktioniert. Die Kinder gehen zur Schule, bis sie etwa 16 sind. Danach blieben die meisten hier, um ihren Eltern in der Landwirtschaft zu helfen und diese später zu übernehmen. Es seien nur sehr wenige, die weggingen um eine weitere Schule zu besuchen oder gar zu studieren.

Inzwischen sind wir an der Bushaltestelle angekommen. Ein Minibus fährt (hüpft wäre treffender) uns zurück nach Sapa. Meine Augen fallen zu, jetzt ist die Neugier etwas gestillt, wir sind ausgepowert und mich überkommt die Müdigkeit. Als wir im Little Sapa Homestay ankommen, fallen wir nur noch ins Bett. Zum Glück gibt’s heißes Wasser – und: eine elektronische Heizdecke. Großartige Erfindung! Die brauchen wir in der kleinen Holzhütte allerdings auch. Denn während der Geruch vom Feuer vorm Haus auch in unserem Zimmer ankommt, kondensiert unser Atem vor Kälte. Hier ist so richtig Winter.

Am nächsten Morgen schauen wir uns Sapa nochmal im Hellen und ein bisschen ausgeruhter an. Hell bedeutet allerdings in diesem Fall nicht, dass man viel sehen kann. Denn es ist noch nebliger als am Vortag. Wir hatten überlegt, noch eine kleine Wanderung in das nahegelegene Cat Cat Village zu machen. Soll zwar etwas touristisch sein, aber der Weg dorthin ist bestimmt schön… Als wir vor der Nebelwand stehen, die sich an der Straße entlangzieht, entscheiden wir uns um. Wir genießen stattdessen die Erinnerungen an die Wanderung, die wir gemacht haben, bei einem heißen Kaffee.

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Nachmittags geht es im Bettenbus zurück nach Hanoi. Jap, auch tagsüber muss man liegend fahren. Und am nächsten Morgen fahren wir weiter mit dem Bus zum Flughafen. Wie wir angekommen sind, reisen wir auch ab. Nur mit vielen Erfahrungen mehr im Gepäck. Über die können wir nun noch viel nachdenken, denn wir haben einen langen Flug vor uns. Über Kuala Lumpur fliegen wir nach Colombo. Und mit dieser Reise nach Sri Lanka verlassen wir nun nach vier Monaten Südostasien!

Im Norden Vietnams durften wir eintauchen. In eine Welt, die wir uns kaum vorstellen konnten, selbst wenn man uns davon erzählt hat. Vielleicht können wir eines Tages wiederkommen. Im Sommer, wenn einem das leuchtende Grün in den Bergen den Atem raubt. 

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