Nordvietnam – ein Museum wird lebendig Teil 1: Hanoi

Die letzte Etappe in Vietnam führt uns in den kalten, rauen Norden. Sie lässt Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen, auf unserer Reise zwischen moderner Metropole und traditioneller Bergkultur. 

Hanoi

Wir stehen in unserem Hotelzimmer in Hanoi und lachen uns an. Man habe uns „geupgradet“ hatte man uns an der Rezeption erklärt. Und schon finden wir uns in einem großen, schicken Zimmer mit Balkon – und: einer Klimaanlage – wieder. Zum ersten Mal freuen wir uns nicht über eine Abkühlung, sondern nutzen so ein Ding als Heizung! Denn  hier  im Norden ist es schon deutlich kälter, ein bisschen mehr Winter als bisher. Trotzdem wollen wir direkt wieder raus…schnell was überziehen und los.

Unser Weg führt uns durch grüne Parks und wilden Verkehr. Durch die Fleecejacken zieht kalter Wind, als wir um den Ho Hoan Kiem See spazieren. Es ist schön, mal wieder zu frösteln und sich auf warme Räume und Tee zu freuen. Wir biegen ab in Richtung Old Town. Es reiht sich ein Klamottenladen an den nächsten, alle verkaufen North Face Jacken und Sportschuhe. Die Sachen sind wirklich gut gefälscht, das muss man ihnen lassen! Trotzdem lehnen wir überall dankend ab und schlendern weiter. In einigen Tourist Offices machen wir Halt und sammeln Informationen. Wir wissen noch nicht genau, wie wir unsere letzten Tage in Vietnam einteilen wollen. Es gibt viel, was man sich hier im Norden anschauen kann – aber wir müssen uns entscheiden. Eine Tour in das kleine Bergdorf Sapa ist der Favorit. Alle machen uns verschiedene Angebote: zwei/ drei Tagestouren, Unterkünfte in Hotels oder Homestays, Anreise mit Bus oder Zug. Gemeinsam haben sie alle das festgelegte Programm. Wir überlegen’s uns… und schlendern weiter.

Es gibt ein spannendes System hier in Hanoi, vorher ist es uns zumindest noch nicht aufgefallen. Während wir von Straße zu Straße schlendern, ist es immer wieder dasselbe. In jeder von ihnen reihen sich zahlreiche Geschäfte aneinander, die alle das Gleiche verkaufen! Wo es heute Mittag nur North Face Klamotten gab, wohin man blickte, sind es nun Fernseher, Plastikwaren, Metallgegenstände oder Fische. Jede Straße hat ihr Spezialgebiet! Ob das den Wettbewerb fördert oder was genau dahinter steckt wissen wir nicht genau. Aber zumindest für die Konsumenten ist es praktisch – wenn man etwas braucht, weiß man genau, wohin!

Und noch etwas, was wir noch nicht gesehen haben, gibt es hier in der Stadt. Eine Bahnstrecke. Eine Bahnstrecke, die eine Straße ist. Eine Straße, um die herum alles dicht bewohnt ist. Sie führt durch Häuserreihen mitten in Hanoi. Die Eingangstüren der Häuser, die Balkone – alles nur wenige Meter von den Schienen entfernt. Zweimal am Tag fährt der Zug hier durch. dann verwandelt sich die Bahnstrecke wieder in die kleine ruhige Straße. Wir spazieren eine Weile an den Schienen entlang und beobachten das Treiben. Kinder spielen, Frauen kommen vom Einkaufen, Männer werkeln in den Garagen. Mopeds kommen uns entgegen. Eine ganz normale Straße. Dass es mal ein bisschen eng wird, sind ja hier alle gewohnt.

Am Abend wird der Verkehr in Hanois Straßen noch wilder, als er es die ganze Zeit schon war. Wir sind es inzwischen gewohnt, ohne Fußwege klarzukommen und uns zwischen Autos und Motorbikes an der Seite lang zu schieben. Aber als die Buden für den Nachtmarkt in den engen Straßen aufgebaut werden, wird es uns schließlich zu bunt. Während zig Leute ihre Stangen, Tische und Klamotten versuchen aufzustellen, fahren Mopeds überall mittendurch. Ein wahnsinniges Chaos! Jan erzählt mir, die vietnamesische Regierung habe beschlossen, Hanoi solle (zumindest teilweise) Motorbike-frei werden. Es solle begonnen werden, die Fortbewegung auf den Zweirädern in bestimmten Gebieten zu verbieten und ein öffentliches Verkehrsnetz auszubauen. Es ist unvorstellbar. Es sind so viele. Hier soll es Leute geben, die noch nie zu Fuß aus dem Haus gegangen sind – immer vor der Tür auf den Roller. Wie sich das alles entwickelt, werden wir auf jeden Fall versuchen aus der Ferne zu verfolgen. Für heute suchen wir uns erstmal eine ruhigere Seitenstraße (übrigens die Plastikwarenstraße) und rufen ein Uber – ab geht’s nach Hause, in unser Balkonreich.

Wir sitzen auf einer kleinen Mauer am Wiedervereinigungsplatz, ich habe mein Gesicht vor der blendenden Sonne in meinen Fleecearmen vergraben und lausche Jan. Der liest gerade die Geschichte Ho Chi Minhs vor, während wir dessen Mausoleum ein paar Meter entfernt betrachten. Übrigens wollte der Freiheitskämpfer dieses Grabmal nie. Er selbst hatte den Wunsch, dass seine Asche in der Natur Vietnams verstreut wird. Offenbar hat jemand anders für ihn entschieden.

hanoi_mausoleum01

Sein Leben hatte er dem Kampf für die Unabhängigkeit seines Landes gewidmet. Nach einem ersten Erfolg, dem Ende der französischen Kolonialzeit, führte er diesen Kampf fort. Im Vietnamkrieg – dessen Ende er nicht mehr erlebte. Er ist ein Held seines Landes, doch es ranken sich auch viele Mythen um ihn. Nicht zuletzt, weil er selbst wenig über seine Person publik gemacht hat. Im Gegenteil, hat er seinen Namen gewechselt wie andere ihre Hobbies. Noch mehr darüber erfahren wir ein paar Stunden später, als wir durch das zu seinen Ehren errichtete Ho Chi Minh Museum gehen. Es ist das kunstvollste und schönste Museum, das wir je gesehen haben, wir staunen ein ums andere Mal. Die Phasen seines Lebens und die Thematiken, die zentral waren, sind in Kunstwerken dargestellt. Zwischen vielen vietnamesischen Schriftstücken gibt es immer mal wieder kurze englische Erklärungen. Wir sind wieder einmal völlig vertieft, in die Geschichte, aber auch in Gedanken über unsere Gegenwart. Vor einigen Zitaten verharre ich – und muss feststellen, dass sich viel zu viele von ihnen auch auf unsere heutige Zeit übertragen lassen. Wieso fällt es uns Menschen so schwer, aus der Vergangenheit zu lernen?

Wir wollen noch mehr lernen – nicht über den Krieg, davon brauchen wir eine kurze Input-Pause. Uns interessiert genauso sehr die Geschichte der Kultur und Tradition des Landes. Also setzen wir unseren Vietnam-Museums-Marathon mit einem letzten Stopp fort. Wir besuchen das Museum of Ethnology. Das Gelände ist riesig, zwei Gebäude liegen vor einem großen Außengelände. Während wir die Infotafeln anstarren und von Raum zu Raum durch Ausstellungen von verschiedenen Stammeskulturen geleitet werden, versuchen wir zu verstehen. Zu verstehen, welche Stämme es wann wo gegeben hat, immer noch gibt und was sie auszeichnet. Das ist gar nicht so einfach. Keiner der Namen sagt uns etwas, geschweige denn, dass wir uns viel unter den Regionen vorstellen können, wo sie leben. Mit der Zeit kann man sich zumindest einige merken und Parallelen erkennen.

Auf jeden Fall ist es eindrucksvoll – die bunten Gewänder, Handwerke und Landwirtschaftsgerätschaften – die Erzählungen von Bräuchen und Opfergaben. In den Vitrinen hängen verschiedene bunt gemusterte Kleider und Accessoires, Werkzeuge um Textilien zu weben und zu färben drum herum. Draußen im großen Außengelände kann man sich verschiedene Baustile von Häusern ansehen – und selbst durchlaufen. Wir sehen all das vor uns, und in unserer Vorstellung wird es lebendig.

Nur einen Tag später wird es wirklich lebendig.

[…]

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