Hoi An – jeden Tag ein Lichtermeer

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Das Highlight unserer Vietnamreise” – wie oft haben wir das über Hoi An gelesen. Wie oft haben wir uns gefragt, ob es dort wirklich so schön ist, so bunt und romantisch. Natürlich konnten wir nicht anders, als uns selbst zu überzeugen. Von der kleinen Stadt an der Küste Vietnams, mittig in der Kurve zwischen dem Norden und dem Süden, direkt am südchinesischen Meer. 

Als wir in die Ankunftshalle des Flughafens in Da Nang treten, wartet dort der Fahrer vom Hotel auf uns. Er ist nicht besonders gesprächig, aber wir sind froh, dass er da ist. Um 5 Uhr aufstehen ist nämlich nicht so unser Ding und die Müdigkeit können wir kaum verbergen. Er setzt uns in einen Minibus, in dem wir uns zu zweit allein etwas verloren fühlen, und brettert über die Landstraßen Richtung Hoi An. Wir schauen aus dem Fenster und beobachten, was an uns vorbeizieht. Sobald wir aus Da Nang raus sind, sind das vor allem Reisfelder. Allerdings nicht leuchtend grün, denn hier ist Winter. Nichts, was in Deutschland mit diesem Wort beschrieben werden würde. Aber nur knapp zwanzig Grad und selten pralle Sonne. Winter eben.

Ein Stündchen später sind wir da. Die Villa of Tranquility hält, was sie verspricht. Wir sind in einem mucksmäuschenstillsten Viertel gelandet. Hier stehen nur hübsche umzäunte Häuser und Bäume. Ab und zu fährt mal ein Fahrrad vorbei, äußerst selten ertönt ein Motorbike. Völliges Kontrastprogramm zu Vietnams Großstadtwahnsinn! Wir warten in der Lobby, dass wir einchecken können. Bei einem Tee bietet uns die junge Frau an, dass wir uns hier auch etwas schneidern lassen können. Einen Anzug, ein Kleid. Sie deutet auf die ausgestellten Stücke und Stoffrollen an der ganzen Wand. Wir sind etwas irritiert und auch echt zu müde, um darüber nachzudenken. Erst einen Tag später wird uns klar, was es damit auf sich hat.

Wir steigen aus dem Uber, das uns nur bis zur letzten Hauptstraße vor der Altstadt bringen kann. Dann bedeutet uns der Fahrer, dass er mit dem Auto nicht weiter darf. Cool, eine Fußgängerzone! Sonst sind Fußwege schon ein Highlight. Es ist früher Abend, wird gerade dunkel. Wir springen aus dem Auto und machen uns auf, durch die kleinen Gassen Richtung Altstadt, Fluss und Nachtmarkt. Schon hier hängen die ersten bunten Laternen über allen Hauseingängen und Wegen.

Dafür ist Hoi An bekannt, die leuchtenden bunten Lampions, die tagsüber hübsch aussehen und abends alles in ein einziges Lichtermeer verwandeln. Und tatsächlich, als wir um die letzte Ecke biegen und vor der Brücke stehen, werden wir ganz langsam. Wohin man auch blickt, überall leuchten bunte Laternen. Um diese Uhrzeit dürfen hier keine Roller fahren, aber umso mehr Menschen sind zu Fuß unterwegs. Ganz schön viele Menschen. Man kann nicht leugnen, dass dieser Ort wirklich, wirklich romantisch ist. Aber man kann auch nicht leugnen, dass das schon ganz schön viele Menschen wissen. Schön ist es trotzdem. Ob wir eine Bootsfahrt machen wollen, werden wir auf der Brücke gefragt. Wollen wir nicht, aber es ist schön anzuschauen, das Laternenspektakel, das auch auf dem Fluss herrscht. Nicht nur auf Booten, auch einzeln schwimmen kleine Lichter übers Wasser. “Hier ist jeden Tag Lichterfest”, meint Jan. Recht hat er. Jeden Tag ein Lichtermeer.

Es ist angenehm kühl, wir sind endlich mal wieder mit langer Hose und Pulli unterwegs. Auf der anderen Flussseite setzen wir uns eine Weile in ein Restaurant und beobachten das Treiben. „Can you make use of this?“, die Frau am Tisch nebenan drückt uns ein Ticket in die Hand. Genauer gesagt vier Tickets, übrig von einem Sammelticket. Es ist für die Sehenswürdigkeiten in der Altstadt. Dankend stecken wir es ein.

Am nächsten Tag stehen wir wieder vor der Brücke. Diesmal schon vormittags, wir wollen den Charme der Altstadt auch im Hellen erkunden. Und es lohnt sich. Zwar leuchten die Laternen nicht, aber auch so rahmen sie die kleinen Straßen und alten bunten Häuser hübsch ein. Beim Schlendern durch die Gassen bleiben wir ständig stehen, denn überall gibt es etwas zu staunen.

Hoi An verzaubert gerade mit seinen vielen Details.  Alles ist alt aber schön hergerichtet und mit Liebe dekoriert. Vor allem Schneidereien gibt es viele, eine reiht sich an die nächste. Und jetzt klingelt es auch! Hoi An ist bekannt für seine Schneiderkunst. Deswegen war es völlig normal für die Leute im Hotel, dass wir uns was schneidern lassen können. Man kann sich den Stoff aussuchen, das Muster, das Outfit. Und innerhalb von ein paar Stunden wird das Wunschteil maßgeschneidert.

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Die Altstadt von Hoi An ist UNESCO Weltkulturerbe. Nicht, weil sie so süß aussieht und überall Laternen hängen. Sondern wegen der vielen alten Bauwerke, die darin versteckt sind. Brücken und geschichtsträchtige Häuser, Tempel und Pagoden. Schon wieder muss man genau hinsehen, um alles zu entdecken. Und schon wieder drängen sich unglaublich viele Menschen durch die Gassen. Fast alle mit Kamera und Selfiestick ausgerüstet, wuseln sie wild durcheinander. Wir müssten ein Sammelticket kaufen, um uns alle Sehenswürdigkeiten hier anzuschauen…aber vier Tickets haben wir ja noch in der Tasche. Wir nutzen sie, um uns eine Pagode und die japanische Brücke anzusehen.

Beides ist zwar interessant, aber wir entscheiden uns dagegen, ein neues Ticket zu kaufen und alle anderen Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Stattdessen schlendern wir am Fluss entlang, weiter durch die kleinen Gassen, und trinken gemütlich vietnamesischen Kaffee. Abends gibt es Streetfood auf dem Nachtmarkt.

Wofür Hoi An außer Laternen und Schneidereien bekannt ist, sind Fahrräder. Es ist das erste Mal (abgesehen von der Regentour in Ayutthaya), dass wir in Südostasien auch nur auf die Idee kommen, Rad zu fahren. Und es uns auch trauen. Man kann im Hotel umsonst ein Fahrrad leihen.  Und immerhin, beim zweiten Mal, wenn man sich etwas an den Verkehr auf den größeren Straßen gewöhnt hat – und dann schnell wieder woanders lang fährt – macht es richtig Spaß. Wir machen eine Fahrradtour zum Meer. Hoi An liegt genau an der Küste, und die paar Kilometer zum Strand fährt man direkt durch die Reisfelder. Sie sind zwar eher schlammig braun, trotzdem ist es nicht weniger spannend. Die Bauern bewirtschaften ihre Felder, Landwirtschaftsgeräte fahren umher. Und wir strampeln gemütlich mittendurch.

Das Fahrrad wird für ein paar Dong am Strand geparkt, und dann stehen wir im Sand. Das Meer tost laut und wilde Wellen brechen vor der Küste. Schwimmen verboten. Aber dafür ist es eh zu kalt. Wir spazieren am Strand entlang und genießen einfach. Das Rauschen, den Wind, den Sand unter den Füßen. Alles ist ein bisschen verlassen, aber ab und zu kommen uns Leute entgegen.

Am Waldrand, oben am Rand des Strandes, stehen kleine weiße Tische und Stühle, eine rote Tischdecke weht im Wind. Wir können nicht anders, als raufzugehen. Eine nette Frau bringt uns einen Kaffee und die größte Kokosnuss, die ich je getrunken habe. Und dann sitzen wir einfach nur da. Und schauen raus auf’s Meer. Nur die Philippinen, irgendwo dort hinterm Horizont, trennen uns vom offenen Pazifik.

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Wir sitzen wieder in einem Bus. Wieder auf dem Weg zu einer Tour. Wieder spricht ein Guide – diesmal nicht mit Mikro, sondern einfach mit seiner unglaublich lauten Stimme. Jaja, wir wollten die nächste Tour wieder auf eigene Faust machen. Aber die My Son Ruinen, zu denen wir nun auf dem Weg sind, sind so deutlich einfacher und viel günstiger zu erreichen. Als wir im Sammelraum an den Ruinen warten, und immer mehr Leute mit den kleinen grünen Caddies zu uns hoch gefahren werden, reißen wir uns dann aber doch los. Die Tour besteht aus so vielen Leuten, dass wir keine Lust haben, immer mitten im Gedränge zu stehen. Wir machen uns auf eigene Faust auf den Weg – einen Rundweg, der an allen Ruinen der Tempelanlage vorbeiführt. Wir haben so quasi alle Orte fast für uns, ein paar andere Touristen sind natürlich immer da. Aber das „Team Vietnam“ aus unserem Bus können wir aus der Ferne bei seiner Völkerwanderung beobachten. Und je später es wird, desto mehr Teams kommen dazu. Die My Son Ruinen sind die Überbleibsel einer riesigen hinduistischen Tempelanlage.

Während wir vor den alten Gemäuern und losen Steinhaufen stehen, werden wir wieder einmal nachdenklich. Die Tempelanlage wurde im Vietnamkrieg komplett zerstört, wie könnte es anders sein. Neben den Ruinen sind Bombenkrater, riesige Löcher im Boden, inzwischen voll mit Wasser. Es ist ein Albtraum, sich auch nur vorzustellen, wie genau hier alles explodiert ist. Wie ein heiliger Ort einfach in die Luft gesprengt wird. Bei der Größe der Tempelanlagen hat es einige Bomben gebraucht. Und sie haben nicht viel übrig gelassen. Was jedoch noch steht, lässt erahnen, wie schön und wie eindrucksvoll dieser Ort gewesen sein muss. Gebetshallen und heilige Tore, jedes Bauwerk hatte seine eigene Bedeutung und Funktion. Der Wiederaufbau der Anlage ist kaum möglich, die Steine, die früher verwendet wurden scheinen magisch. Was noch steht, ist ziemlich stabil. Was nachgebaut wurde, ist teils schon eingestürzt oder von der Witterung stark angegriffen. Es weiß niemand genau, woher die alten Wundersteine kommen. Aber wenigstens sind sie noch da.

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Mit dem Boot geht es zurück nach Hoi An, von hier direkt weiter nach Da Nang. Denn einen Tag später steigen wir wieder in den Flieger. Wir ziehen weiter in den Norden.

Hoi An war ziemlich genau so, wie wir es uns vorgestellt haben. Bunt. Verspielt. Romantisch. Auch für uns ein Highlight unserer Vietnamreise. Der Charme der Stadt wird allerhöchstens ein bisschen getrübt, von den Massen an Touristen, die ihn spüren wollen. Aber irgendwie gehören wir ja selbst zu ihnen. 

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