Lombok und Gili – unterwassergeschichten

Lombok. Die kleine Schwester von Bali. Ursprünglichkeit, Natur und entspanntes Zusammenleben. Die Insel sei großartig, haben wir gehört und wollten uns selbst ein Bild machen. Ein Bild von einer ganz anderen Seite Indonesiens, als wir sie bisher kannten. Außerdem bot uns der Ort Gelegenheit, einen Traum zu erfüllen. Uns ein unvergessliches Weihnachtsgeschenk zu machen. 

Kuta Lombok 

Es ist das beste Frühstück der Welt. Wirklich.

Wir sitzen vor unserem Bungalow auf der Veranda und strahlen uns an. Die Sonne scheint schon zwischen den Ästen durch, als wir unser Omelett und die verschiedenen Obstsorten genießen. Es ist drei Tage vor Weihnachten. Ich muss manchmal daran denken, wie jetzt alles in der Heimat ist. Hier ist von Adventszeit nichts zu spüren. Keine Wintergemütlichkeit, keine Kälte, kein Geschenkestress. Nur Wir. Das kleine Kind unserer Vermieter quietscht nebenan immer mal wieder auf. Die Familie lebt hier, hat neben ihr Häuschen vier Bungalows in den Garten gebaut, von denen wir einen bewohnen. Es ist wirklich gemütlich.

 

Und das auch um unseren kleinen Garten herum. Kuta Lombok liegt ganz im Süden der Insel. Das Dorf beginnt gerade erst, sich auf Tourismus einzustellen – überall zu bauen. Und umgedreht wird es auch von den Touristen gerade erst entdeckt. Deshalb sind zwar einige Besucher hier unterwegs, aber es ist alles andere als überfüllt. In niedlichen, kleinen Cafés und Restaurants finden wir stets Platz und etwas gutes zu Essen. Nur unter Surfern ist diese Ecke schon lange bekannt und beliebt. Zu Recht, wie wir in den nächsten Tagen sehen.

Der Mann bedeutet uns, den Roller an der Seite abzustellen. Hier geht’s mit Motor nicht weiter. Wir überqueren also zu Fuß eine mehr spannende als sichere Bambusbrücke und biegen zum Seger Beach ab. „Von da oben haben wir sicher eine super Aussicht!“, zeigt Jan auf einen Hügel. Ja, sicherlich…ich bestaune gerade das Feld ein paar Meter weiter, wo anscheinend Salz aus dem Wasser gefiltert wird. Als ich mich wieder umgucke, ist er schon halb oben. Ich lache. Okay, okay. Tatsächlich lohnt sich jeder Schritt. Der Strand auf den wir von hier oben blicken ist traumhaft. Ein einzelner Mann steht mitten im Wasser und angelt. Er ist eingerahmt von grünen Felsen, Meer und Sand. Wieder unten, laufen wir noch etwas am Strand entlang. Wir landen an einem Surfertreff und gucken eine Weile zwei Jungs und ihren Brettern in den Wellen zu. Ziemlich wilde Angelegenheit. „Hi, do you want to buy a bracelet?“ ein kleines Mädchen grinst uns breit an. Die Kids sind hier überall unterwegs und verkaufen Armbänder. Zwar können wir nicht von jedem eins kaufen, aber ein kleines Andenken ist schon okay. Und die Kleine ist auch einfach Zucker. In fließenderem Englisch, als wir es bisher irgendwo in Indonesien gehört haben, erzählt sie uns fröhlich, dass sie neun Jahre alt ist und erklärt, welche Bänder sie gemacht hat und welche nicht. Plötzlich sind wir umringt von einer ganzen Kinderbande. Sie alle wollen uns ihre Bänder zeigen und wir würden sie am liebsten alle nehmen. Aber wir bleiben bei einem. Von diesem aufgeweckten Mädchen, das mit seinem Englisch hoffentlich irgendwann noch viel mehr anstellen kann.

 

Endlich spüren wir wieder die Sonne und den Wind auf unserer Haut, als wir mit dem Roller über die Insel fahren. Am Straßenrand streunern einige Hunde, manche haben sich einfach ein Schattenplätzchen gesucht. Wilde Hunde gibt’s hier viele. Sie laufen überall an den Straßen herum. Manchmal liegt auch einer unter dem Restauranttisch, der Strandliege oder vor der Bungalowtür. Es ist heiß, heute Abend wird es sicher regnen. Wir nutzen unsere Zeit in Kuta Lombok tatsächlich vor allem für eins: Entspannen. Durch die Gegend fahren, Strände auskundschaften, frisches Obst mit nach Hause nehmen … In den letzten Wochen war viel los – und schon in ein paar Tagen, an Weihnachten, beginnt das nächste große Abenteuer, die nächste Herausforderung.

Wir kommen am Mawi Beach an. Ein Strand mit Sonnenliegen und einigen Touristen – der es aber trotzdem schafft, mit seiner Schönheit zu bestechen. Die Kulisse ist traumhaft – und auch hier ist es trotzdem nicht überfüllt. Der perfekte Ort für eine Pause mit Kokosnuss.

 

Der Morgen vom 24. Dezember beginnt regnerisch. Wieder sitzen wir auf unserer Terrasse und schauen in den Garten. Wieder gibt es das beste Frühstück der Welt. Aber diesmal lugt keine Sonne durchs Geäst, sondern alles ist nass. Der Regen strömt unaufhörlich. Es ist ein komisches Gefühl, heute nicht in der Heimat zu sein. Wir beide denken an unsere Familien, an diese einzigartige Zeit im Jahr, vermissen das Beisammensein. Aber dafür können Wir beisammen sein. Hier. Irgendwo in der Welt, wo gerade unser zu Hause ist. Und das verstehen wir als großartiges Geschenk. Trotz ein bisschen Wehmut und Heimweh sind wir überglücklich.

Ein paar Stunden später hören wir endlich keine Tropfen mehr prasseln. „Komm, lass uns einfach jetzt schnell losfahren!“ – wenn nicht jetzt, wann dann. Und siehe da, als wir auf dem Roller an den großen Baustellen entlangfahren, reißt langsam der Himmel auf. Als wir absteigen, brennt die Sonne bereits auf der Haut. Ich kneife die Augen zusammen und auch aus dem Mund kommt nur ein kleines „Wow!“. Wir sind am Tanjung Aan Beach angekommen. Uns strahlen das türkiseste Wasser und der weißeste Sand entgegen, die ich jemals gesehen habe. So kann Weihnachten eben auch sein, denken wir uns und schlendern am ziemlich leeren Strand entlang. Jetzt macht sich doch ein bisschen Festtagstimmung breit – wenn auch anders als sonst. Ab ins Meer! Seit Koh Lanta, seit diesem wunderschönen Ort und Jans Fußverletzung, waren wir nicht mehr im Meer baden. Zwei Monate ist es ziemlich genau her und heute ist Weihnachten!

 

Gili Trawangan

Mein Herz klopft schnell, als wir auf dem Boot sitzen. Nicht weil das Boot immer wieder aufhüpft, wenn wir über Wellen fahren. Auch nicht weil wir zwischen all diesen Menschen sitzen, die all diese Dinge dabei haben, die sie von Insel zu Insel transportieren. Große Bambuskörbe mit Essen und Getränken, frisches Gemüse, Obst und Koffer. Es klopft wegen dem, was in den nächsten Tagen kommt. Jetzt ist es soweit. Schon die letzten Tage haben sich Vorfreude und Aufregung immer weiter gesteigert. Jetzt ist es soweit. Ich blicke raus aufs Meer, auf die immer gleich und doch immer verschieden aussehenden Wellen. Auf den Schaum, den unser Boot hinterlässt. Wir sitzen auf dem Public Boat von Lombok nach Gili Trawangan, der außenliegenden der drei Gili Inseln, direkt vor der nordwestlichen Küste Lomboks. Wir sind nur aus einem Grund auf dem Weg nach Gili Trawangan, heute am 25. Dezember. Wir wollen tauchen. Unser Weihnachtsgeschenk an uns selbst. Jetzt ist es soweit.

Wir laufen durch die Gassen und es hat geregnet. Es gibt keinen Asphalt, der Boden ist schlammig und sandig. Was soll’s. Die gute Seite der asphaltlosen kleinen Wege: es gibt keine motorisierten Gefährte auf der Insel! Kein Lärm von knatternden Motorbikes und hupenden Autos. Nur Pferdekutschen und Fahrräder. Wir laufen an vielen Hostels, Restaurants und kleinen Läden vorbei. Überall sind Touristen. An der Strandpromenade reiht sich ein Tauchshop neben den anderen und dazwischen Schnorchelangebote und Bars, wohin man auch blickt. Wir wissen, wohin wir wollen, haben schon vorher per Mail alle Fragen geklärt, alles vorbereitet. Heute Papierkram, morgen geht’s los. Als wir den Laden wieder verlassen, gucke ich Jan an. Wieder das Herzklopfen. „Egal was ich die nächsten Tage tue und sage, wenn ich nicht durchziehen will, musst du mich dazu bringen. Das Geld haben wir nicht umsonst bezahlt.“ Wir lachen uns an. Ein bisschen Scherz, ein bisschen Ernst. Vorfreude und Aufregung. Angst? Ein bisschen. Aber wovor? Ich weiß ja gar nicht, was kommt und wie es sich anfühlt. Angst vor der Angst vielleicht. Die man haben könnte. Alles Kopfsache. Wir haben erstmal Hausaufgaben, stundenlange Videos, die ich mir anschauen muss. Also genug zu tun bis morgen früh…

Ich stehe vorm Pool und kann mir ein aufgeregtes Grinsen nicht verkneifen. Bisher haben wir nur Theorie durchgekaut, alle Fragen besprochen, die ich zuhause beantworten musste…Was passiert wenn…, Was mache ich wenn…, Wieso ist das mit dem Atem so…, Wieso sieht das unter Wasser so aus…, Was ist dies…, Wie funktioniert das… Physik, Bio, logisches Denken.

Jan sitzt auf dem Gartenstuhl am Poolrand. Heute darf er zuschauen, morgen früh hat er seine Auffrischungsstunde. Er hat seinen Schein schon vor fünf Jahren gemacht – für mich ist es das erste Mal. Und gleich die Lizenz. Wenn schon denn schon. Man, bin ich froh, dass er da ist.

Nico, unser Tauchlehrer aus Frankreich kommt um die Ecke. Er gibt mir ein Zeichen, in den Pool zu steigen. Schwerfällig schiebe ich mich in voller Montur die Treppe herunter. Die Ausrüstung, die draußen ziemlich schwer ist, wird ganz leicht, als sie das Wasser berührt. Ich merke die Flasche auf meinem Rücken kaum noch, als wir mit den Übungen beginnen. Ich weiß, was zu tun ist, wie das geht, wie es aussieht. Das typische Tsch-tschhh Tsch-tschhh, als ich die Luft durch das Atemgerät einziehe und ausatme. Als ich untertauche, verstummt alles. Ich höre nur meinen eigenen Atem, erst ziemlich schnell, dann immer langsamer. Ruhig atmen. Meine ersten Atemzüge unter Wasser. Es ist ein ungewohntes Gefühl, irgendwo zwischen Beklemmung und Freiheit. Je öfter ich es mache, desto entspannter werde ich dabei. Und beginne, mich umzuschauen. Irgendwie lustig, hier unten alles so in Ruhe anzusehen. Und einfach zu atmen. Nico winkt mir zu, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen. Fragt mit dem Handzeichen „ok?“. Ich antworte „ok“ und er signalisiert mir, mich zu ihm auf den Boden zu setzen. Äh ja, unter Wasser hinsetzen. Ausatmen, ein bisschen länger als sonst, und ich sinke. Sitzen klappt. Nur manchmal, wenn man ein bisschen zu viel einatmet, steigt man eben auch wieder. Man gewöhnt sich dran.

Wir tauchen auf und ab, üben das Mundstück zu verlieren und wieder zu holen, die Brille abzusetzen und mit der Nase auszupusten, das „Schweben“ unter Wasser zu kontrollieren, sodass man nichts berührt, und die ganze Ausrüstung aus- und wieder anzuziehen. Alles geht ziemlich schnell, aber es klappt. Nach 2 Stunden sind wir durch und ich bin ziemlich platt. Aber anscheinend bereit fürs offene Meer. Na, wenn die das sagen! Jan sitzt immer noch am Poolrand, er hat geduldig gewartet und zugeschaut. Sein „Gut gemacht!“ ist so schön zu hören! Tag geschafft!

 

Abends gibt‘s Pizza. Guter Zufall, dass auf diese kleine Insel offenbar ein italienischer Pizzabäcker ausgewandert ist. Die Pizza im Regina ist die beste, die wir seit langem gegessen haben. Während wir Stück für Stück verputzen, füllen wir die letzten Quizbögen aus. Meine Gedanken schweifen ab und zu ab. Morgen geht’s ins offene Meer… heute hat zwar alles gut geklappt, aber das wird nochmal ganz, ganz anders.

Zum Glück bin ich so müde vom Tag, dass ich später einfach einschlafe. Die Aufregung kommt nicht gegen meinen um Schlaf bettelnden Körper an. Und zum Glück haben wir ein eigenes Zimmer gebucht. Ruhe.

Heute Morgen sitze ich am Poolrand. Ich beobachte Jan und Nico und wiederhole im Kopf alles, was wir gestern gemacht und geübt haben. Für mich heute kein Training mehr – in zwei Stunden geht’s direkt ins Meer. Die zwei tauchen immer nur kurz auf, unter Wasser sehe ich nur ihre Silhouetten. Sie machen in etwa das gleiche, wie wir gestern… nur noch schneller. Mundstück raus, Brille verlieren, gegenseitig mit dem Oktopus, dem Ersatzmundstück, „retten“. Blubberblasen an der Oberfläche. Außer uns ist noch eine indische Gruppe da. Zeitweise sind sechs Leute in dem kleinen Pool – der zwar tief ist, aber keine 30m^2 misst. Das ist ganz schön kuschelig, hat ja schließlich auch jeder eine Flasche auf dem Rücken und Flossen an. Ab und zu kommen sie sich in die Quere.

Das Boot schaukelt. Jaja. Alle Boote schaukeln immer, wenn man auf dem Meer unterwegs ist. Nur sonst ist der Plan, möglichst trocken wieder auszusteigen. Heute ist’s egal, gleich springen wir ja sogar hinein. Das ist ein komischer Gedanke, irgendwie noch fremd. Ich blicke auf den Horizont, das weite Blau. Um uns sind noch Inseln, man sieht Land. Trotzdem – so weit draußen im Meer bin ich noch nie geschwommen. So tief war’s noch nie unter mir, wenn ich mich von Wellen habe tragen lassen. Mein Herz klopft hart gegen meine Brust. Mir ist ein bisschen schlecht. Aufregung, Vorfreude. Ein bisschen Schiss hab ich auch. Ich wende meinen Blick wieder aufs Boot. Es sind einige Tauchgruppen an Bord, die fertige Ausrüstung steht vor uns in der Mitte. Haben wir alles schon zusammengewerkelt. Die Crew, einige Indonesen mittleren Alters, gibt uns ein Zeichen und hilft uns, die Jacken anzuziehen. Wir zuerst. Na toll.

Wir sitzen auf dem Bootsrand, die Flasche ist unheimlich schwer und zieht nach hinten. Ich blase die Jacke voll auf und es fühlt sich an, als ob sie mich zerquetscht. Brille auf, Mundstück rein. Herz hämmert. Plötzlich soll alles ganz schnell gehen, alle drängeln ein bisschen. Ok,ok,ok,ok,ok,ok,ok. Ruhe bewahren und einfach machen. Immer atmen.

Wir drei rücken mit dem Po bis ganz an den Rand des Boots und halten Brille und Atemgerät fest. Kommando – Zack, Beine hoch, Rückwärtsrolle ins Ungewisse. Ich brauche einen Moment, um mich umzudrehen, zu orientieren. Oben, unten, Luft, Wasser. Atmen. Okay, wir sind schon mal drin. Jetzt noch auf den Rücken drehen, damit die Weste mich nicht immer untertaucht. Die Wellen nehmen uns mit – hoch, runter, hoch runter. Nico fragt mit der Hand „ok?“, ich signalisiere „ok“, aber auch „langsam“. Er versteht, gibt aber ein Zeichen zum Abtauchen. Etwas Luft aus der Jacke lassen. Weiteratmen. Wieder dieser merkwürdige Moment, in dem das Sichtfeld halb über, halb unter Wasser ist. Aber diesmal bewegt sich auch noch alles. Langsam und ruhig atmen. Niemals die Luft anhalten. Niemals die Luft anhalten. Nie-mals. Tsch-tschhh. Tsch-tschhh. Die Welt verstummt. Und alles schmeckt nach Salzwasser. Ich gucke mich um, signalisiere wieder „langsam“. Ich brauche kurz Zeit, um mich an all das zu gewöhnen. Was für ein Augenblick – in alle Richtungen nur blau, durch die Wasseroberfläche schimmert das Licht. Unten in weiter Ferne sieht man den Grund. Völlig verrückt. Und wir können hier atmen. Einfach atmen. Jetzt bin ich aber erstmal mit meinen Ohren beschäftigt. Wir sinken und man merkt jeden halben Meter. Druckausgleich. Es knackt in den Ohren, wenn ich die Nase zuhalte und drücke. Wir sinken inzwischen nur durch unseren Atem. Ganz langsam immer tiefer. Es wird etwas kühler, ist aber immer noch angenehm warm. Wieder gucke ich in alle Richtungen, naja zumindest in die, in die ich mit der Brille gucken kann. Um nach hinten zu schauen muss ich mich einmal um die eigene Achse drehen. Wir schweben. Nichts was uns hält – aber auch Nichts, woran man sich halten kann. Das Gefühl finde ich manchmal so komisch, dass ich Jans Hand nehme. Seine Umgebung hier unten berührt man auf keinen Fall. Viel zu gefährlich, dass die Korallen scharf sind oder sich der ein oder andere Meeresbewohner dort versteckt, den man nicht unbedingt bedrängen möchte. Und natürlich möchten wir auch nichts zerstören. Inzwischen liegen wir direkt über dem Meeresboden, auf 12 Metern Tiefe, umschwimmen Korallen und Steigungen des Meeresbodens mit ein paar Flossenschlägen. Und überall ist Leben. Als ich mich ein wenig an das Tauchen an sich gewöhnt habe, schaue ich genauer hin. So viele verschiedene Fische tollen um uns herum. Einige schwimmen furchtlos nur knapp an uns vorbei, andere nehmen Reißaus, sobald sie uns wahrnehmen. Uns, die großen, unförmigen, schwarzen Brocken. Die nicht nur nicht nach Fisch riechen, sondern auch noch laut vor sich hin blubbern. Tsch-tschhh. Tsch-tschhh.

 

Nico ist immer ein paar Flossenschläge vor uns, zeigt uns hier was, da was. Er liegt rücklings im Wasser und sieht so entspannt aus, als wäre er hier geboren. Seit über 10 Jahren taucht er. Hier unten verstehe ich warum. Hier ist einfach alles anders. Es ist eine Parallelwelt. Kein Lärm, keine Gespräche, keine Hast. Keine Reize außer dieser magischen Unterwasserwelt und all ihrem Leben.

Es ist etwa 30 Minuten später. Wir sind auf 5 Metern unter der Oberfläche, machen unseren Sicherheitsstopp. Einfach Auftauchen ist nämlich nicht. Der Körper braucht Zeit, Stickstoff, der sich im Blut gelöst hat, wieder abzugeben. Und wir brauchen Zeit, um Aufgaben zu erledigen. Natürlich. Das mit der Brille und dem Mundstück und so. Muss man ja auch im Meer können. Und man muss verletzte Taucher an der Oberfläche abschleppen und Krämpfe lösen können. Das machen wir auch noch schnell, während wir auf das Boot warten, das uns abholen soll. Jan lässt sich geduldig von mir vor und zurück schieben und die Beine verbiegen.

Abends sitzen wir wieder bei Regina und belohnen uns mit einer Pizza. Auch der zweite Tauchgang war direkt heute. Immer noch aufregend, immer noch herausfordernd und wieder Aufgaben am Ende. Meine größte Herausforderung habe ich nun auch hinter mir – Ausrüstung an der Oberfläche aus- und wieder anziehen. Mein Horror bei Wellengang und Strömung. Aber es hat geklappt. Und der Tauchgang war wieder so unfassbar cool! Am liebsten mag ich Schildkröten! Schildkröten sind der Wahnsinn! Aber auch kleine Nemos in ihrer Koralle stehen weit oben. Wie es für Jan war, wieder zu tauchen, möchte ich wissen. „Riiichtig cool! Das Gefühl ist direkt so wie damals. Ich fand’s da schon so cool!“ er strahlt mich an. Mit müden, aber glücklichen Augen. Ich schätze genau so sehen meine auch aus. Und vielleicht immer noch ein bisschen aufgeregt. Ich freu mich auf Tauchgänge, die entspannt sind, wo ich auch nur dieses Gefühl genießen kann. Gerade gibt’s jedes Mal extra Übungen, muss ja sein für den Schein. Aber ich bin sicher, es wird sich lohnen. Morgen erwarten mich die letzten Herausforderungen. Navigieren mit Computer und Kompass und der CESA. „Das packst du jetzt auch noch“, muntert mich Jan auf. Klar schaff ich’s. Was auch sonst.

Wir sitzen wieder auf dem Boot. Heute schaukelt’s noch mehr. Und diesmal gehen wir nicht als erste von Bord. Zuerst springen drei Männer – an einer anderen Stelle, denn sie wollen auf 40 Meter tief tauchen. Wie es da wohl sein mag… während ich darüber nachdenke, hüpft das Boot weiter. Gischt spritzt mich von der Seite an. Für uns geht es heute auch noch tiefer als gestern. Aber zuerst der CESA. Wir halten, aber es scheint eine starke Strömung zu geben. Deshalb wird es etwas hektisch, alle sollen sich beeilen. Mein Herz klopft wieder. Wieder wir zuerst. Kommando – Zack, Beine hoch, Rückwärtsrolle ins Nass. Ich kann mich nicht drehen, Jan ist über mir, darüber das Boot. Jaja, ganz ungefährliche Variante diese Rückwärtsrolle. Wir entheddern uns. Nico signalisiert uns, dass wir zu ihm kommen sollen. Schwimmen an der Oberfläche – was ich am liebsten mag. Nicht. Er hat eine Boje, an der wir abtauchen. Es kommen noch andere Taucher, die dieselbe Übung machen sollen. Ich bin etwas gestresst, alles zu viel Hektik gerade. Aber los geht’s. CESA. Controlled Emergency Swimming Ascend. Kontrolliertes Notauftauchen. Normalerweise taucht man niemals schnell auf – aber wenn einem in Notfallsituationen nichts anderes übrig bleibt gibt es einige Varianten. Zum Beispiel diese hier. Ich atme ein und los: Eine Hand über dem Kopf, Blick nach oben, Flossenschläge. Ich atme dauerhaft aus und mache dabei ein Geräusch. Das „Aaaaaah“ klingt in meinen Ohren während die Wasseroberfläche langsam näher kommt. Auf diese Weise platzt die Lunge nicht, wenn sich ihr Inhalt zu schnell ausdehnt. Bei der Tiefe, in der wir tauchen, eh nicht. Aber lernen muss man’s – wer kann, der kann. Völlig aus der Puste muss ich oben meine Jacke selbst aufblasen. Danach schwimmen wir eine ganze Weile – Nico winkt uns immer weiter, immer weiter. Wir sind durch die Strömung vom eigentlichen Tauchspot abgetrieben. Wie sich herausstellt, bewahrt er uns durch die Schwimmerei vor dem Abtauchen über ziemlich tiefen Grund – aber in diesem Moment will ich einfach nicht mehr. Als wir abtauchen, bin ich ziemlich gestresst. Das war ein harter Start. Dementsprechend unentspannt bin ich unter Wasser. Ich kann den Tauchgang erst nach einer ganzen Weile genießen. Aber dann sehen wir wieder Schildkröten – riesige Schildkröten! Und einen Rochen, der sich versteckt – Und plötzlich macht Nico das Zeichen: Hai. Ich drehe mich um und sehe noch die lange Flosse davon schwimmen. Und es soll nicht der einzige gewesen sein. Unter einem großen Felsen versteckt sich noch einer! Diese Wesen, um die sich so viele Mythen und Ängste der Menschen ranken, sind so unglaublich scheu. Ich blicke auf meinen Tauchcomputer – 18,6 Meter. Wir sind unten. So weit dürfen wir nun überall auf der Welt tauchen. Naja, sobald ich die Lizenz dann habe. Es ist etwas kühler und dunkler, aber sonst nicht viel anders. Alle Farben außer Blau verlieren ihre Leuchtkraft. Alles schimmert in blau, grün und grau.

Tauchgang drei war eine echte Nervenprobe. Aber die Tiere, die wir gesehen haben, belohnen irgendwie schon wieder für alles und jeden stressigen Moment. In der Mittagspause sitzen wir am Meer und essen. „Jetzt hast du’s geschafft. Den letzten kannst du genießen!“, grinst Jan. Ich bin wohl noch ein bisschen grün im Gesicht. Aber ja, er hat Recht. Ich habe alle Skills geschafft, im Pool, im Meer. Habe alles durch. Jetzt gibt es noch einen letzten Tauchgang. Und da muss ich nur eins: Tauchen. Und genießen.

Und das machen wir. Beide. Es ist unser erster gemeinsamer Fundive. Nach dem Sharkpoint, einer gesunkenen Plattform und einer verpassten Tauchstelle, gleiten wir jetzt an einem langen Abgrund entlang. Es ist eine „Wand“, die unter Wasser steht, an der sich Korallen und Fische angesiedelt haben. Wir haben zwar Grund unter uns, rechts sieht man aber wie dieser steil absinkt. Dahinter erstreckt sich tiefer dunkelblauer Ozean. Wieder tausende Fische. Löwenfische, ein Kugelfisch, ganz viele andere Fische, und zum Glück auch Schildkröten!

 

Wir sitzen wieder auf dem Boot. Zum letzten Mal. Es geht zurück auf die Insel. Nachher geht von dort unsere Fähre zurück nach Lombok. Unser vierter Tauchgang, unser erster „einfach nur Tauchen“ Tauchgang. Unfassbar, dass wir das erleben durften. Und eine fertige Lizenz. Wir dürfen das jetzt überall auf der Welt erleben!

Senggigi und unsere Villa

Für unsere letzten Tage auf Lombok, unsere letzten Tage in Indonesien, haben wir uns etwas Besonderes gewünscht. Und das sollen wir bekommen. Beim Buchen der Villa dachten wir in etwa „Wo ist der Haken?“, „Das kann ja gar nicht sein“, „Mal sehen, was schief läuft“. Aber – nö. Es kam sogar noch besser, als wir es erwartet haben. Einfach Glück. Wir stehen vor dem riesigen weißen Haus. Der Hausmeister hat uns allein gelassen, er kommt morgen früh und bringt Frühstück. Quietschen – ja, ich wieder. Aber auch Jan lacht und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Wir laufen über das Grundstück, durch die riesigen hellen Räume mit den sauberen Fliesen. Und hüpfen und lachen und tanzen und witzeln. Das kann ja gar nicht sein! Wir haben tatsächlich eine Villa für uns. Eine Villa in der noch nie jemand vor uns gewohnt hat – wir sind die ersten Gäste. Und einen Swimming Pool nennen wir jetzt auch fünf Tage unser Eigen. Wir können es nicht fassen. Jeden Morgen wachen wir auf und können es einfach nicht fassen. Es ist eine schöne Abwechslung vom Backpacker-Alltag und kleinen stickigen Räumen. Wir können selbst kochen und morgens auf unserer riesigen Terrasse frühstücken – nach der ersten Runde durch den Pool. Und wir können hier in aller Ruhe vor der Welt ins neue Jahr starten. Denn es ist Silvester.

 

2017 war ein völlig verrücktes Jahr. Als es anfing hätten wir nie gedacht, dass wir hier sein würden, wenn es endet. Aber es war die beste Entscheidung unseres Lebens. In diesem Jahr haben wir gemeinsam so viel erlebt, wie noch nie. Und die Reise hat immer noch gerade erst begonnen! Wir starten glücklich in 2018. Wir werden weiter Träume lebendig werden lassen.

 

In dem kleinen indonesischen Dorf gehen ein paar Raketen hoch. Ein Mini-Feuerwerk. Wir sind am richtigen Ort. Genau jetzt, genau hier. Genau Wir.

Lombok hat uns mehr gezeigt, als sonnige Strände und grüne Landschaften. Es hat uns ein Zuhause geboten – in einem Land, in dem es uns am Anfang so schwer fiel anzukommen. Es hat uns Welten gezeigt, die uns verzaubert haben – über, aber vor allem unter Wasser. 

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