Bromo – brodelnde Erdgeschichte

Man hört ihn brodeln, Schwefel liegt in der Luft, das Herz bleibt kurz stehen und gibt dem Kopf eine Sekunde Zeit. Diese braucht er, um zu realisieren, was passiert. Viele Millionen Jahre arbeitet die Natur hier fleißig an ihrer Schönheit. Wir sind nur eine kleine wilde Horde, die nahezu ungeachtet passieren darf… Dürfen wir? Oder will uns diese wunderbare Erde an Orten wie diesen eigentlich zeigen, wie komplett machtlos wir sind. Will sie uns bremsen in unserer Überheblichkeit gegenüber allem auf dieser Welt? 

Okay, vielleicht sollte ich doch irgendwo vorne anfangen…

Oder natürlich irgendwo zwischen Yogyakarta und Malang. Irgendwo zwischen Merapi, Erdbeben, früh aufstehen und diesem Gefühl, welches sich in uns ausbreitet, wenn wir die Bilder dieses Abenteuers durchblättern.

Alles quietscht und klappert etwas, wir sind müde. Eksikutif Class heißt das hier. Wir haben zunächst etwas anderes erwartet, waren sogar kurz enttäuscht und haben es dann doch so spannend und lustig gefunden, dass es nicht anders hätte sein sollen. Wir sitzen im Zug nach Malang in einem großen alten Zugabteil auf großen alten Ledersesseln, mit alten kaputten Fußrasten und einer Klimaanlage, die den Zug auf kühles Herbstklima abkühlt. Wir fahren durch Landschaften, die von Reisanbau und kleinen Siedlungen bis hin zu Bergen, oder eher Vulkanen, alles wie in einem Film an unserem Fenster vorbei rauschen lassen. Wir sind gespannt, was noch kommt.

Wir sind gespannt auf unser Ziel. Ich glaube, ich noch ein wenig mehr als Wini. Ja, dieses Reiseziel ist eindeutig von mir auf die Liste gesetzt worden. Es ist ein Traum, über den ich oft nachgedacht habe. Ich konnte mir aber nur schwer vorstellen, ihn tatsächlich mal zu verwirklichen. Zwei Nächte und zwei Tage haben wir uns jetzt dafür Zeit genommen. Und schon die erste Nacht soll kürzer werden, als gedacht.

Nach einer Zugfahrt voller spannender Eindrücke und wachsender Vorfreude kommen wir in Malang an. Diese Stadt liegt am Fuße des Bromo Vulkans. Wir haben uns diesen Ort als Ausgangspunkt für die letzte Etappe der Anreise ausgesucht und die Karten App zeigt knapp zwei Stunden für die letzten 25km nach Cemoro Lawang an. Dieser Ort liegt fast ganz oben auf dem Vulkan und dort haben wir auch die zwei Übernachtungen gebucht. Zielsicher holen wir das Handy heraus und suchen einen Fahrer, der uns zu unser Unterkunft auf den Berg fährt. Komisch. Das scheint gar nicht so leicht zu sein… Wini und ich schauen uns ein wenig enttäuscht an. Schließlich haben wir uns diesen Teil der Reise einfach und unkompliziert vorgestellt. Wieder kein Fahrer verfügbar. Nach einigem Hin und Her sitzen wir in einem Auto mit einem recht jungen Fahrer. Wir sind mit dem ausgehandelten Preis zufrieden und er wirkt auch, als hätte er mit uns ein gutes Geschäft im Gange. Zuversichtlich folgt er der Route auf seinem Handy und wir träumen ein wenig erschöpft von der Anreise in unseren Gedanken weg…

Uns ist seit Stunden klar, dass der Fahrer diese Route merklich zum ersten Mal in Angriff genommen hat. Wir wurden bereits an zwei verschiedenen Eingängen zum Nationalpark abgewiesen und hochmotiviert fährt er den Berg immer wieder hinunter und am nächsten Eingang wieder hinauf. Nun scheint aber auch er zu verstehen, dass er mit seinem ganz normalen Auto nicht von dieser Seite durch den Nationalpark kommt, da er durch eine Aschewüste müsste und diese scheinbar auch noch von Jeepfahrern kontrolliert wird.

Weitere 3 Stunden führen uns ab diesem Ereignis wieder den Berg hinunter, in die nächste Stadt und wieder den Berg hinauf. Dieses Mal auf einer vergleichsweise schon langweiligen Serpentine Richtung Cemoro Lawang. Dies scheint die offizielle Anreiseroute zu sein, welche sogar von normalen Reisebussen befahren wird.

Ich kürze all dies mal mit wenigen Worten ab. 8,5 Stunden; alles dunkel; überall Nebel; Adrenalin; die längste Taxifahrt unseres Lebens… und im Nachhinein ein unvergessliches Abenteuer, das wohl noch nicht viele vor uns erlebten.

Um 2:30 Uhr in der Nacht verabschieden wir uns von unserem Fahrer und sind zwischen Dankbarkeit, Anerkennung und Erleichterung hin und her gerissen. Man muss ihm lassen, dass er seinen Auftrag um jeden Preis erfüllen wollte. Uns muss man lassen, dass wir trotz 8,5 Stunden in einem Auto mit einem Menschen, der nicht mit uns reden konnte und völliger Dunkelheit um uns herum stets freundlich und verhältnismäßig entspannt geblieben sind.

Immernoch ein wenig von den letzten Stunden mitgenommen, ergreifen wir direkt unsere Chance, packen die nötigsten Dinge zusammen und machen uns auf. Wir sind zu müde zum Nachdenken und trotzdem wollen wir nun pünktlich zum Sonnenaufgang bei einem Aussichtspunkt sein. Scheinwerfer, lautes Brummen, Jeeps, Brummen, noch mehr Jeeps. Überall.

„Dort muss es sein. Da fahren alle Jeeps hin und der halbe Berg blinkt und blitzt schon. Das müssen die ganzen Kameras sein.“, sage ich zu Wini. Pünktlich zum Sonnenaufgang karren hier scheinbar hunderte Jeeps Touristengruppen auf die Aussichtspunkte am Gunung Pananjakan. Zugegeben ist der Andrang auch verständlich, denn von diesem ca. 2,800 Meter hohen Berg hat man einen atemberaubenden Blick über das gesamte Tengger-Vulkan Massiv.

Wir sind nun fast beim ersten Aussichtspunkt angekommen und merken, wie die Sonne langsam erwacht. Wow… Wir holen wie in Trance unsere Kamera heraus und versuchen festzuhalten, was uns gerade Stück für Stück deutlicher vor den Augen erscheint. Viele verstummen und es entsteht langsam eine einigermaßen angemessene Stille um uns. Wir staunen und vergessen für einen kurzen Moment alle Strapazen, die uns die letzten Stunden geschenkt haben. Es hat sich gelohnt.

Gut zu erkennen sind der Batok (vorne rechts), der Bromo (der rauchende Krater links) und der Semuru (hinten). Die letzteren sind sehr aktive Vulkane und während der Semuru routiniert alle 20 Minuten eine Wolke ausspuckt ist der kleine Bromo eigentlich immer am qualmen und lässt mit einem tiefen Brummen seinen Lawaschlamm im Krater brodeln.

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Wir genießen die Aussicht und rätseln, was sich alles noch unter dem dichten Nebel in der Caldera um die Vulkane herum befindet. Langsam fangen wir sogar an, uns an die Touristenmassen um uns herum zu gewöhnen, aber dann beginnt eine wilde Unruhe. Alle packen zusammen, schießen hastige Selfies, stecken ihre Kameras ein und machen sich wieder auf den Weg zu den brummenden Jeeps. Innerhalb einer Viertelstunde ist es geschehen und wir stehen etwas perplex herum. Waren eben noch zig quietschende Touristengruppen um uns herum, stehen wir nun allein am Aussichtspunkt. Wir schauen uns an. „Die sind ernsthaft nur für ein Foto vom Sonnenaufgang hier gewesen? Und jetzt fahren die alle wieder zurück ins Hotel?!“ Etwas belustigt können wir das Naturschauspiel nun endlich so richtig genießen.

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Ein Kunstwerk aus Sonnenstrahlen, Farben und einer atemberaubenden Skyline aus Vulkanen lässt aus Minuten Stunden und aus unserer niederschlagenden Müdigkeit eine grinsende Euphorie werden. Von hier erkennt man tatsächlich die Reste einer Geschichte der Urzeit. All dies war mal ein riesiger Vulkan, der in einer gewaltigen Explosion zusammenbrach und erlosch. Erst viele viele Jahre später entstanden dann die nun aktiven Vulkane inmitten der alten riesigen Caldera. Die Erde schreibt wirklich Geschichten, die wir uns kaum vorstellen können. Hier erleben wir es gerade hautnah.

Wir staunen und vergessen für einen sehr langen Moment alle Strapazen, die uns die letzten Stunden geschenkt haben. Es hat sich gelohnt.

Einige Zeit später lichtet sich auch der Nebel aus der Caldera und uns wird klar, wo die ganzen Jeeps hinsteuern. Die gesamte Touristenmasse, die uns gerade umgeben hat, steht nun am Kraterrand des Bromos. Wir grinsen und denken wohl beide in diesem Moment, dass wir den Krater lieber zu einer ruhigeren Zeit bestaunen wollen. Im Vorfeld haben wir schon gelesen, dass die Nachmittage ruhig sein sollen und sogar das Personal am Nationalpark Eingang Feierabend macht. Das versuchen wir doch mal. Zunächst wandern wir aber zu unserer Unterkunft und genießen den Weg nun nochmal ohne Jeeps (fast) und bei Sonnenschein (fast).

Es stürmt ein wenig und ich versuche den Regenschirm so in den Wind zu halten, dass uns nicht der volle Regen ins Gesicht schlägt. Wir sind um 15.00 Uhr tatsächlich ohne Ticket in den Park gekommen und gehen nun wohl auch bedingt durch den Wind und Regen allein durch die Aschewüste Richtung Bromo. Es ist ein wirkliches Abenteuer und wohl wieder mal ein Erlebnis, dass allen vorbehalten bleibt, die eine strikt organisierte Jeep Tour gebucht haben.

Wir genießen trotz des Wetters jede Sekunde der Wanderung. Und keine 50 Minuten später stehen wir am Kraterrand. Allein. Einfach nur Wini, ich und der Bromo. Man hört ihn brodeln, Schwefel liegt in der Luft, das Herz bleibt kurz stehen und gibt dem Kopf eine Sekunde Zeit. Diese braucht er, um zu realisieren, was passiert.

Wir sind überglücklich und absolut überwältigt von diesem Wunder der Natur.

Auf dem Rückweg können wir es uns nicht verkneifen ständig zurückzuschauen. Es ist wahr. Wir waren gerade da oben und haben hineingeschaut. Wir haben wirklich den brodelnden Lawaschlamm gesehen sowie gehört, gerochen und gefühlt, was es heißt, an einem Tor zum Inneren der Welt zu stehen.

Ohne Regen konnten wir den Rückweg durch diese Mischung aus Wüste und Mondlandschaft antreten. Unsere Bucketlist ist nun wieder mal einen Punkt kürzer.

Am nächsten Tag liegt ganz Cemoro Lawang und der Bromo in dichten Regenwolken und die Temperaturen fallen nochmal deutlich zum Vortag. Wir entscheiden also direkt nach dem Frühstück abzureisen und schnappen uns mit 12(!) anderen einen Kleinbus bergab. Bei dem Blick aus dem Fenster staunen wir über den abenteuerlichen Weg, den wir bei unserer Anreise im Dunkeln als so einfach abstempelten. Wir spinnen beide herum, wie die Routen auf der anderen Seite des Berges wohl bei Tag aussehen müssen. Wir sind überfroh nun drei Tage Pause zu haben und mal zu entspannen, bevor der Flug in unser nächstes Abenteuer startet.

Oh du schöner Bromo, wir hörten dich brodeln, Schwefel lag in der Luft, unsere Herzen blieben kurz stehen und gaben unseren Köpfen eine Sekunde Zeit. Wir haben verstanden, wie klein wir doch sind und wie kraftvoll die Erde unter unseren Füßen. Danke für all diese Erlebnisse und dass wir einfach so passieren durften.

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