Jakarta – wer anhält, verliert.

Wir wussten, wir fliegen in eine Millionenmetropole. Wir waren darauf vorbereitet, in einer riesigen Stadt zu landen und bereit, uns auf Indonesien einzulassen. Dachten wir.

Jakarta ist der zweitgrößte Ballungsraum der Welt. Nach Tokio. Wenn man die umliegenden äußeren Stadtgebiete mitzählt, leben hier 37 Millionen Menschen. Halb Deutschland in einer Stadt. Man kann es sich nicht vorstellen, wirklich nicht.

Wir sitzen im Auto und fahren vom Flughafen Richtung Innenstadt. Endlich haben wir unseren Uber Fahrer gefunden, und die Welt da draußen dröhnt nur noch gedämpft durch die Scheiben. Ich bin jetzt schon fix und fertig, gucke aus dem Fenster und merke kaum, wie wir den Highway entlang düsen. So anstrengend war es noch nie, irgendwo anzukommen. Schon als wir in Singapur am Check-In standen haben wir wieder festgestellt: „Krass, wir sind die einzigen Touris.“ Also zumindest waren wir die einzigen, denen man es angesehen hat. Das gleiche Spiel in Jakarta. Man scheint eher direkt nach Bali zu fliegen, wenn man nach Indonesien kommt. An sich cool – authentisches indonesisches Treiben überall – aber manchmal auch wirklich ein merkwürdiges Gefühl. Wir können es nicht vermeiden, die Leute schauen uns an. Egal was wir tun oder nicht tun. Nicht unfreundlich, nicht bedrohlich, einfach interessiert. An sich völlig okay – aber auch anstrengend. Vor allem wegen der Masse. Überall so viele Menschen. So viele Augen. Der Flughafen ist winzig für die Größe der Stadt und es hat ewig gedauert, irgendwo WiFi zu finden, um ein Uber zu rufen. Denn SIM Karten gab es nicht. Als wir vor die Tür getreten sind, ging es wieder los: „Taxi? Taxi! Sir, Taxi?“ Sie meinen’s gut und wir fühlen uns auch etwas unwohl, ihr Geschäft zu umgehen. Aber die App ist die nachvollziehbarere und deutlich günstigere Variante für uns.

Wir fahren vom Highway ab. Von der Zubringerstraße können wir die Skyline sehen, dann geht es hinunter in den Stadtverkehr. Und mit einem Mal fühlt es sich an als hätte jemand alles auf Zeitlupe gestellt. Der Verkehr kriecht gerade noch so. Weil es plötzlich viel zu voll ist. Die Autos schieben sich schwerfällig aneinander vorbei, die Roller drängen sich auf allen Seiten gleichzeitig hindurch. Überall hupt es. Auf der Kreuzung staut sich alles und nur langsam kommt jeder mal an die Reihe. Aber wer ganz anhält, verliert. Schon wieder „Krass“. „Kann wohl eine Weile dauern bis wir ankommen“, stellen wir fest. Der Fahrer lächelt uns schräg an: „Well, welcome to Jakarta’s traffic. It’s crazy.“ Recht hat er.

Wer auch immer die Zeitlupe angestellt hat, wollte, dass wir die Gelegenheit haben, hinzuschauen. Ich weiß gar nicht wohin zuerst. Auf die Autos, die uns so unfassbar nah kommen? Auf die älteren Männer, die sich zwischen dem ganzen Verkehr noch hindurchschlängeln, um Getränke, Zeitungen oder Zigaretten zu verkaufen? Auf die jungen Burschen, die es wagen auf Kreuzungen und an Ecken zu stehen, um den Verkehr zu regeln? Man steckt ihnen etwas Geld aus dem Fenster zu, dafür helfen Sie einem abzubiegen. Auf die kleinen Buden, Läden, Hütten und Häuser, die sich dicht an dicht drängen, um genug Platz für alle zu bieten? Auf all die voll beladenen TukTuks und Roller, die sich waghalsig um uns herum schlängeln? Auf die Massen an Gemüse auf dem Markt am Straßenrand? Oder auf die Menschen, diese unglaublich vielen Menschen, die überall am Straßenrand sitzen, liegen, spielen, quatschen, arbeiten und werkeln?

Rums. „Stupid!“ Ruft unser Fahrer nur und steigt aus. „Ist er…?“, fragt Jan. „Jep“. Ein Auto ist uns reingefahren, hinter mir in die hintere rechte Seite. „Boah zum Glück kann hier einfach keiner schnell fahren.“, stellt Jan fest. Stimmt. Weil eh alle nur rollen können passiert einem im Auto zumindest nicht so schnell etwas. Der Fahrer steigt wieder ein. Der andere habe nur „Sorry“ gesagt. Echt stupid!

Wir geben ihm viel mehr als die Fahrt gekostet hat, es tut uns leid, dass er eine Macke im Auto hat. Dann schließen wir unsere Zimmertür auf und direkt wieder zu. Als ich aufs Bett falle weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll, ob ich reden oder schweigen will. Schon die ersten Stunden haben mich völlig umgehauen. Ich gucke Jan an. Auch er ist erschöpft und überwältigt von allen Eindrücken. Wir liegen auf dem Bett, lassen uns von der Klimaanlage anpusten und atmen langsam durch. „Das wird ein Abenteuer.“

Die Hotelmitarbeiter sprechen leider kaum Englisch. Dafür ist das Zimmer super – wir sind tatsächlich froh, einen Rückzugsort zu haben. So können wir uns dem Getummel draußen Stück für Stück nähern. Wir sitzen im Bett und frühstücken unsere Snacks aus dem Supermarkt. „Wollen wir heute was unternehmen?“ Also eigentlich wollen wir meistens was unternehmen. Aber hier ist es gar nicht so einfach … es gibt keine Fußwege, selbst irgendetwas mit Motor zu bewegen würden wir nie wagen, und leider hat Jakarta verpasst, ein öffentliches Verkehrsmittelnetz zu installieren. Man findet vereinzelte Bahn- und Busstationen aber die helfen nicht wirklich bei der Größe der Stadt. Fun Fact: Auch die Einheimischen schütteln darüber nur den Kopf, ist doch klar, dass der Verkehr aus allen Nähten platzt, wenn jeder überall mit dem Auto bzw. Roller hinfahren muss. Geht ja nicht anders. Es bleibt uns für den Moment also Uber bzw. Grab UND der indonesische Geniestreich Go Jek. Noch so eine App, über die man Fahrer rufen kann. Aber nicht nur das – auch Essen bestellen oder eine Massage, einen Friseur oder eine Reinigungskraft, und alles mögliche was man sonst so brauchen kann. Die Go Jeks kommen ziemlich gut an und bevölkern mit ihren grünen Logos die ganze Stadt.

Wir entscheiden loszufahren. Wird doch sicher möglich sein, irgendwo einen schönen Ort zu finden! Wir checken alle TripAdvisor Empfehlungen und bleiben am Sunda Kelapa, dem alten Hafen hängen. Soll entspannt sein und ist nicht so weit weg. Ein paar Minuten später sitzen wir wieder im Auto, unser Fahrer lenkt und hupt und bremst konzentriert. Scheibe runter, Münze raus, Vorfahrt.

Der Hafen ist voll von alten Booten. Eine lange Straße führt Richtung Meer, längs daran sind überall Holzboote fest gemacht. Einige sind voll beladen, von allen blättert die alte Farbe ab. „Hey, you! Tour, boat tour?“ ruft uns eine Gruppe Männer von der kleinen Mauer zu. Wir gehen rüber, ein anderes Touristenpärchen kommt auch gerade an. Für drei Euro bieten sie uns eine Tour auf dem kleinen Holzboot durch das Hafenbecken an. Warum nicht – klingt spannend. Und ist es auch! Wir sitzen auf dem kleinsten Bötchen, auf dem wir bisher irgendwo saßen. Plötzlich hüpft der Mann an mir vorbei, der uns fahren wird. Oder krabbelt – irgendwas dazwischen. Er ist winzig und seine Beine etwas verdreht, sein Rücken krumm. Der Fahrer sieht aus, als würde er schon sein Leben lang auf diesem Boot sitzen, und so bewegt er sich auch darauf. Ich bin etwas erschrocken, gleichzeitig lacht er mich aber mit so einem strahlenden Lachen voller Zahnlücken an, dass ich nicht widerstehen kann, es auch ulkig zu finden. Er wirft den Motor an und wir schaukeln los, zwischen Skyline und den uralt aussehenden Booten hindurch. Die sind allerdings voll belebt. Mal wird gerade Ladung gepackt, mal etwas repariert. Auf ein Boot dürfen wir hinaufsteigen. Aber auch hier sitzen gerade Leute in der Kabine und beten. Wir verlassen es schnell wieder, um nicht zu stören. Das alles ist irgendwo zwischen cool und völlig skurril. Wir fahren bis raus zur Meeresmündung, wo das Wasser ordentlich unter unser Boot schwappt. Dann kommt die Frage der Fragen. Ob wir zum Museum wollen. Äääh, jaa, klar, prinzipiell schon. Aber was das denn für ein Museum sei und wo und wie man dahin kommt, fragen wir. Er lacht uns an und nickt. Legt an und gibt uns ein Zeichen auszusteigen.

Ich schaue stur geradeaus während wir laufen. Ich bin froh, dass sie neben uns ist. Ein junges indonesisches Mädchen hatte gerade andere Touristen zum Boot begleitet und angeboten uns nun zum Museum zu bringen. Wir sind unglaublich dankbar. Denn wo der Fahrer uns abgesetzt hat, begann bereits das Wohngebiet durch das wir jetzt laufen. Wenn man es so nennen kann. Hier leben wirklich arme Menschen. Wir laufen durch Schutt und über Steine, die kleinen Hütten sind verfallen, überall sitzen Menschen davor oder darin. Kinder spielen im Staub, Müll ist überall verteilt. Ich sehe das alles, aber ich versuche nirgendwo meinen Blick zu lange haften zu lassen. Darauf waren wir nicht vorbereitet. Und ich möchte nicht beobachten, starren, glotzen. Wenn mein Blick einen anderen kreuzt lächle ich höflich. Die meisten schauen einfach nur, sind neugierig. Wir unterhalten uns mit dem indonesischen Mädchen, sie ist 19, erzählt, dass sie schon immer hier lebt. Jakarta sei ja nicht so spannend. Aber es sei ihr zuhause. Wir finden es ziemlich spannend hier! Sie lacht und wir bedanken uns tausendfach als wir vorm Museum stehen. Ein Engel.

Als wir im zweiten Stock des Schifffahrtsmuseums stehen, müssen wir lachen. Es ist wirklich unglaublich. Dieser Ort ist noch skurriler als alles bisher. Plastikpuppen mit Schriftrollen davor stellen die Mythen der Meere dar. Plötzlich geht ein Beamer an und spielt ein Video über den fliegenden Holländer ab. „Was zur…“, der Boden knartscht während wir auf den alten Holzdielen immer weiter durch das langgezogene Gebäude laufen. Niemand sonst ist hier, und die Ausstellungsstücke sind wirklich qualitativ….fragwürdig. Wir gucken uns an und beschließen nachhause zu fahren, erst einmal eine Pause vom Erkunden zu machen.

Jede Fahrt durch Jakarta ist an sich schon ein Abenteuer. Deswegen ist das allein eine unserer liebsten Beschäftigungen hier – Auto fahren (lassen). Dabei fühlen wir uns auch ziemlich sicher. Wie gesagt, es ist alles so langsam, dass nicht viel passieren kann. Aber man kann das bunte Treiben draußen gut beobachten. Und zu Fuß läuft auch sonst niemand – wo auch – außer der Verkäufer, die mitten durch die Autos ziehen. Unser Fahrer erzählt uns diesmal, dass das größte Problem die Pendler seien. Im Kern Jakartas leben nur etwa 10 Millionen Menschen. Doch in diesen Kern kommen jeden Morgen weitere 5 Millionen zum Arbeiten. Jeder mit seinem Gefährt, versteht sich, wegen des mangelhaften Streckennetzes. Das System ist völlig überlastet. Aber in Jakarta gibt es Arbeit. Die Menschen hier zieht es in die Ballungsräume, dorthin wo sie sich eine Existenz sichern können. Immerhin wird an einem U-Bahn Netz gebaut…

Es ist Abend als wir das erste Mal an qualmenden Streetfoodständen entlangziehen. Hier stehen sie direkt an der Straße – klar, gibt ja auch keine Fußwege. Das bedeutet, Autos und Roller rauschen an uns vorbei. Wir biegen in eine kleinere Gasse. Es riecht überall nach Essen, die meisten Namen sagen uns nichts. Hier passen wenigstens nur Roller an uns vorbei. In einer kleinen Bude mit viel Gemüse in der Auslage finden wir ein Abendessen für 1,50€. Insgesamt. Mit Getränken. Dafür sind die Streetfoodbedingungen auch nochmal ein bisschen krasser als in Thailand oder Malaysia. Aber unsere Mägen sind ja inzwischen voll im Training – und natürlich halten wir uns an die Grundregeln! Gekocht, gebraten oder schälbar. Safety first!

Wir starten einen erneuten Versuch, uns der Kunst und Kultur hier in Jakarta zu nähern: wir besuchen die National Gallery. Diesmal landen wir tatsächlich in einem Museum, wie wir es uns vorgestellt haben. Um uns herum Kunstwerke aus aller Welt, alte Gemälde, moderne abstrakte Kunst, eine Fotostrecke über Wüsten, eine über Peru. Wir schlendern durch die Hallen, schauen uns die Kunstwerke und Geschichte an – und stehen für das ein oder andere Selfie bereit. Und im Gegensatz zu unserem letzten verrückten Museumsbesuch ist dieser hier sogar kostenlos.

Es gibt sicher noch mehr dieser Orte in Jakarta. Orte, an denen es wirklich coole Sachen zu entdecken und zu sehen gibt. Orte, an denen man sich wohl fühlt und genießen kann in die indonesische Kultur einzutauchen. Uns bleibt keine Zeit, noch mehr davon zu suchen. Wir haben zu lange gebraucht, um am Anfang in dieser riesigen Stadt anzukommen. Um uns zu orientieren und klarzukommen. Jakarta ist eine wirkliche Herausforderung für uns gewesen. Aber auch eine unfassbar spannende Erfahrung. Manchmal haben wir uns zwar Essen ins Hotel bestellt, weil es einfach zu anstrengend war, in den Kessel zu gehen bzw. extra eine Fahrt zu organisieren, aber trotzdem hat uns dieser Ort vieles gezeigt und gelehrt.

Es ist unglaublich, wie viele Menschen an diesem einem Ort zusammenleben können. Dass es an einigen Stellen überhaupt kein System gibt, und alles trotzdem nach seinen eigenen Regeln funktioniert. Jakarta ist wie eine eigene kleine Welt. Mit einer viel höheren Menschenkonzentration und eigenen Gesetzen. Aber ganz oben steht auch bei der Bevölkerung hier eines: Hilfsbereitschaft. 

Wir bleiben weiter auf Java, auf dieser Insel die zu den am dichtesten besiedelten der Welt zählt, auf der Indonesien die Hälfte seiner Einwohner vereint. Aber wir entfliehen dem gigantischen Kessel. Wir stehen wieder am Flughafen in Jakarta. Wir sind wieder die einzigen Weißen. Es ist Abend und wir essen unser mitgebrachtes Essen. Inzwischen sind wir die Blicke gewohnt, sie sind da, ganz gleich was wir tun. Und es ist okay. Wir lächeln einfach wenn unser Blick sie kreuzt. Wir hoffen trotzdem, dass alles etwas entspannter wird in den nächsten Tagen. In Yogyakarta.

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