Krabi – Boote, Höhlen und Krathongs

28. Oktober 2017. Das Datum, das als Frist in unseren Pass gestempelt war. Doch Thailand verlassen haben wir erst zwei Wochen später. Dazwischen kam: Krabi. Küstenstadt im Süden Thailands, Touristenziel, viel mehr wussten wir nicht. Aber solange wir noch auf drei Füßen und zwei Krücken unterwegs sind, wäre die Weiterreise eine Tortur für beide von uns. Also siegte die Vernunft und wir reisten in eine Stadt, in die wir sonst nicht gefahren wären. 

Jan lacht mich an: „Komm, geh mal eine Runde raus. Sonne, Bewegung. Das tut Dir gut!“ Ich sitze in unserem Hostelzimmer und bin unruhig. Wir haben gerade gefrühstückt, wie jeden Morgen. Kaffee, Toast mit Marmelade und ’ne Banane. Ich gucke aus dem Fenster, die Sonne scheint. Hier drinnen fröstele ich ein bisschen, die Klimaanlage ist an, ziehe mir die Decke bis zum Kinn. Wir verbringen im Moment viel Zeit hier … Lesen, Schreiben, Recherchieren. Ab und zu fahren wir mal ins Krankenhaus, um den Fuß checken zu lassen. Mittags und abends gehen wir irgendwo im 100 Meter Radius etwas essen. Ich bin noch nicht ganz überzeugt, will eigentlich bei ihm bleiben und am allerliebsten zusammen los – aber wahrscheinlich hat er recht, vielleicht treibt mich dieses Zimmer sonst heute noch in den Wahnsinn. „Nagut“, grummele ich, „aber ich zeige dir nachher alles, was ich von Krabi kennenlerne, auf Fotos!“. Musik in die Ohren und los.

„Guck! Hier ist alles grün, und da unten am Ufer waren so komische kleine Tiere. Und auf dem Krabi River kann man auch Bootsfahrten machen. Können wir ja vielleicht auch irgendwann, bald! Und hier war ein Markt …“ Krabi hatte mir eine seiner schönsten Seiten gezeigt und ich grinse, als ich Jan die Bilder zeige. Ich beginne, die Stadt zu mögen. „Haben uns gar kein so schlechtes neues Zuhause ausgesucht!“ Und wenn wir bald erst zusammen rausgehen können … denken wir wohl beide im Stillen.

Wieder ist es kalt … immer diese Klimaanlagen, Fluch und Segen. Wir sind im International Hospital in Krabi und der Arzt überbringt uns gerade die freudige Botschaft, auf die wir so lange gewartet haben! „Today I will remove the stiches.“ Fast hört man die Steine von unseren Herzen fallen – alles läuft gut. Alles wird wieder gut. Wir haben es bald geschafft.

Ich habe aufgehört unsere Krankenhausbesuche zu zählen. Aber es wird uns auf jeden Fall in Erinnerung bleiben, wie rührend sich alle kümmern, wenn man in Thailand ins Krankenhaus muss. Es sind relativ wenig Patienten da, wie immer, wie auch in der letzten Klinik. Der Anteil von Touristen daran ist recht hoch. Der Service ist dementsprechend persönlich. Trotzdem drängt sich mir die Frage auf, was der Preis dafür ist. Wie sieht die Gesundheitsversorgung für Thailänder aus? Ich glaube kaum, dass sie einfach nie krank werden – was natürlich toll wäre. Und natürlich gibt es noch andere Kliniken. Aber das Wissen, dass der Zugang zu medizinischen Maßnahmen an zu vielen Orten dieser Welt ein Privileg ist, macht mich traurig. Wir haben zuhause vielleicht keinen Luxusservice und überfüllte Krankenhäuser, aber wie dankbar sollte man einfach dafür sein, jederzeit Hilfe zu bekommen wenn man sie braucht?

„Wini! Ich hab ’nen Schuh an!“ Ein Strahlen in Jans Gesicht – in meinem direkt auch. Es sind wieder erst zwei Tage vergangen, seit meinem Spaziergang vier. Also gehen (!) wir heute zum Mittag, wie fast jeden Tag, ins Zoo Café um die Ecke. Aber heute ist alles anders, weil wir eben gehen. Und Händchen halten. Keine Krücken dabei haben. Wir spüren: Bald geht die Reise weiter! Und schon jetzt laufen wir in Krabi, wieder zusammen, jeden Tag ein Stück weiter.

„He, guck mal, was bauen die da auf?“ Wir stehen am Krabi River und beobachten wie ein großer Markt mit unzähligen Verkaufsständen, großen Zelten, Streetfoodbuden und Fahrgeschäften aufgebaut wird. Wir schlängeln uns durch und sind beeindruckt, wie viele Dinge man in kleinen Verkaufsständen unterkriegt, wie scharf Essen sein kann und wie laut die Musik auf einem Markt. Klamotten, Schmuck, Essen, Smartphonezubehör, Essen, Klamotten, Spielzeug, Essen, Schuhe, und sogar kleine Haustiere – wir erschrecken uns ein bisschen beim Anblick der kleinen Hasen, Mäuse und sogar Katzen in den winzigen Käfigen. Abgesehen von ihnen finden wir Spaß am Erkunden, Probieren und Beobachten. Hier gibt’s auch die großen Mengen frittierter Insekten, die wir in Asien erwartet haben. Nicht wie auf der Khao San Road als Fotoaccessoire – sondern einfach zum Snacken. Aber heute mal nicht…

Der Markt wird für das Loi Krathong aufgebaut. Die ganze Stadt bereitet sich auf das bevorstehende Lichterfest vor. Der Feiertag kennzeichnet hier, ähnlich wie Silvester bei uns, den Beginn eines neuen Jahres im Mondkalender – und ist ein faszinierendes Spektakel, wie wir einige Abende später selbst erleben sollen. Mit Beginn der Dunkelheit versammeln sich alle Einwohner, Touristen, und wer auch immer dazu gehören möchte, am Fluss der Stadt. An einigen der Stände kann man Krathongs kaufen – kleine Bötchen aus Zuckerrohr, Bananenblättern und Blumen. In jedem steckt eine kleine Kerze und Räucherstäbchen, die angezündet werden, wenn man sein Boot auf’s Wasser lässt – mit all den Sorgen des letzten Jahres und Wünschen für die Zukunft. Als Paar hat man traditionell ein gemeinsames Krathong – auch wir setzen unseres in das Lichtermeer auf dem Krabi River. Wir schauen ihm hinterher und halten unsere Hände fest. Der Weg bis hier und heute war für uns beide nicht der leichteste. Aber wir sind dankbar dafür hier zu sein – gemeinsam – und sicher, dass uns noch Großartiges bevorsteht.

Wir sitzen inzwischen auf dem Bordstein an der Seite und beobachten das bunte Treiben. Heute ist es in den Festzelten und auf dem Markt so voll, dass man ohne Drängeln und Quetschen keinen Fuß vor den anderen setzen kann. Wir sind beeindruckt von dem Fest, von der Idee dieser Tradition und auch davon, wie selbstverständlich die Gemeinschaft hierbei in Thailand ist. „Cool oder?! Dass einfach alle gemeinsam feiern! Also, es ist ein bisschen voll … aber irgendwie cool!“ Während man bei uns in Deutschland mit Freunden oder Familie meist eine private Party ins neue Jahr feiert, passiert das hier mit der ganzen Stadt. Jung und alt, Thai oder Nicht-Thai, alle sind dabei, alle sind willkommen und alle sind gleich. Jeder wird respektiert, jedem steht es zu das Lichterfest zu feiern und teilzuhaben. Jeder darf seine Sorgen und Wünsche loswerden, jeder soll reichlich essen, trinken und Spaß haben. Alkohol sehen wir übrigens kaum – Bier trinken hier eh nur die Touristen.

Die thailändische Kultur lässt uns oft darüber nachdenken, nach welchen Werten wir leben. Und nach welchen nicht. Und warum.

Wir sind wieder auf vier Füßen unterwegs. Zeit für neue Abenteuer!

Treppen? Kein Problem mehr! Wir besuchen den Wat Kaew, einen buddhistischen weißen Tempel mit einer imposanten Treppe, der mitten in Krabitown steht. Von außen schon beeindruckend schön, gibt es in der Tempelhalle nicht nur den Schmuck und einen großen goldenen Buddha, sondern auch bunte Wandmalereien, wohin man auch blickt. Danach schlendern wir über den Markt – ein Obstparadies! Mit Mango, Papaya und Guave ausgestattet setzen wir uns an den Fluss und beobachten die Boote. Irgendwann können auch wir…

„Please sit in the middle to keep the balance.“ Ein junger Thai springt zu uns auf’s Longtailboot. Wir schippern über den Krabi River – es ist die Bootstour, von der wir geträumt haben, als ich von meinem Spaziergang zurück kam. Vor neun Tagen. Ich denke daran zurück, wie ich all das hier versucht habe auf Fotos festzuhalten und schließe die Augen für einen Moment. Der Motor brummt und wir fahren auf die großen Kalksteinfelsen zu. Die Sonne brennt auf unseren Schultern, ausnahmsweise regnet es heute nicht. Schon nach ein paar Minuten legt der junge Mann neben den Felsen an und zeigt uns: „You can hop out here, I’ll wait for you.“ Wir sind an einer Höhle angekommen. Wir wussten zwar, dass wir eine besuchen werden, dachten aber nicht, dass wir das ganz allein machen würden. Wir laufen über ein paar Meter Steg und Sand und kommen an einer kleinen Fledermaushöhle vorbei. Dann sehen wir eine Treppe. Sie sieht eigenartig schön aus und … führt in die Dunkelheit. Uns kommen ein paar chinesische Touristen entgegen, danach Stille. Wir steigen hoch, sind ganz allein. „Whoa, gar nicht so klein!“ Wir stehen mitten in einer hohen dunklen Höhle, Stalagmiten und Stalaktiten werfen überall ihre Schatten. Ganz am Ende zeigt sich Licht. Wir erkunden das alte Kalkgestein und kleine Infotafeln erzählen uns mehr über die Geschichte solcher Höhlen – und Thailands. Wir stehen in einem ehemaligen Versteck des japanischen Militärs im zweiten Weltkrieg. Uns wird klar, dass wir bisher ziemlich wenig darüber wissen, wie andere Kulturen die Weltkriege erlebt haben und was sie in ihrer Vergangenheit geprägt hat. In der Schule lernen wir Geschichte – Europas Geschichte. Aber was ist hier am anderen Ende der Welt passiert?

Wir fahren weiter und kommen an kleinen Fischerhäuschen vorbei, die einfach mitten im Wasser stehen. Genau wie all die Bäume hier. „Verrückt, oder? Dass die Mangroven einfach hier im Fluss wachsen?! Ein ganzer Wald im Wasser…“ Unser Fahrer biegt plötzlich auf einen schmalen Pfad mitten in den Mangrovenwald, und wir tauchen ein – in die dichte Natur um uns herum. Ruhig, dunkel… Eigenartig, so eine Bootstour durch einen dicht bewachsenen Wald.

„Bist Du ganz sicher, dass Du wieder fahren kannst?“ – „Ganz sicher.“ Also los. Wir steigen endlich wieder auf einen Roller! Unseren vorletzten Tag in Krabi nutzen wir, um über unseren Teller- oder in diesem Fall auch Stadtrand zu schauen und den Ao Nang Beach zu besuchen. Dieser und der Railey Beach gelten als die Top Touristenziele in Krabi – wir wollen sehen, was es damit auf sich hat und was wir in den letzten zwei Wochen verpasst haben.

Wir schlendern die Strandpromenade entlang und finden uns in einer Dauerschleife von „No, thanks!“ wieder. Ein bisschen wie in Phuket. „Sir, Meal?“, „Come in, take a look!“, „Massage?“ „No thanks!“. Puh, wir sind nochmal kurz im Pauschaltourismus angekommen und verlassen ihn recht bald wieder. Zugegeben, der Ausblick auf’s Meer und die Felsen ringsum ist traumhaft. Aber wir fahren mit dem Gefühl, am richtigen Ort unsere Zeit verbracht zu haben, zurück nach Krabitown.

Der Tag ist noch jung – und mit dem Roller geht’s so schnell von A nach B. Also machen wir auf dem Rückweg noch einen Abstecher zum Tiger Cave Tempel, ein wenig außerhalb von der Stadt. Die 1237 Stufen, die zu einem Aussichtspunkt oben auf dem Felsen führen, muten wir uns noch nicht zu – dafür lockt uns das Schild, das zum „Wonderland“ führt. Wir beobachten die Affen, die über das ganze Gelände düsen – und die Touristen, die sie fast genauso wild mit Erdnüssen füttern. Dann folgen wir dem Pfeil über eine Treppe, ein paar Stufen hoch, ein paar wieder herunter. Und die Stimmen verstummen, um uns sind auf einmal nur noch Urwaldgeräusche. Wir stehen mitten im Wald und ein kleiner Pfad liegt vor uns. Hier geht es zu den Höhlen. Wir folgen dem Weg. „Sieh mal, da stehen kleine Hütten unten am Felsen.“ Jan deutet nach links. “ Da wohnen Mönche! Schau, da sind die orangen Roben!“ Und tatsächlich scheinen hier die Mönche des Tempels ihr Lager zu haben – irgendwie urig, irgendwie skurril. Wir entdecken verzweigte Höhlengänge, straucheln über Geäst und riesige Wurzeln, und sind umgeben von gigantischen Bäumen und Grün. Wenn man nach oben schaut, sieht man nicht alle Baumkronen, dafür in weiter Ferne noch den Felsen, der sich darüber in den Himmel streckt. Die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, dass wir komplett durchnässt sind, als wir wieder auf die Treppe zusteuern. Wow. Damit hatten wir nicht gerechnet. Tatsächlich ein kleines Wunderland!

Unser letzter Abend in Krabitown ist angebrochen. Wir schlendern ein letztes Mal über den Nachtmarkt, einen unserer Lieblingsorte, der direkt bei uns um die Ecke ist. Hier haben wir einige Abende verbracht. Aber heute gibt es die letzte Pad Thai von der niedlichen Omi und zwei Abschiedsbier dazu.

Morgen früh werden wir schon um 6 Uhr abgeholt. Dann geht es zum Flughafen und wir verlassen nicht nur Krabi, sondern Thailand. Die letzten sechs Wochen hier waren unbeschreiblich. Wir sind ein bisschen wehmütig, aber aufgeregt zugleich. Ein neues Land, eine neue Kultur,… nun kann es weiter gehen!

Wir hatten nicht geplant, nach Krabi zu reisen. Aber was als Kompromiss und Notlösung gestartet ist, ist zu einer unvergesslichen Zeit geworden. Die Stadt ist zu recht ein Touristenziel – und dennoch an den richtigen Orten einfach wunderschönes, authentisches Thailand. Keinen Moment bereuen wir es, nach Krabi gefahren zu sein. 

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