Bangkok – ein wundersames Chaos

Die Stadt, der wir eine zweite Chance geben sollten. Die Stadt, von der wir dachten bestimmt froh zu sein, wenn wir sie erstmal hinter uns lassen. 

Ein freundliches Geräusch und das Licht im Flieger geht an. Wir schauen uns verschlafen an – endlich waren wir vor einer halben Stunde mal weg gedöst. Die freundliche Dame kommt und bringt uns heiße Tücher für unser Gesicht – und Frühstück. Es dauert noch ein bisschen, dann beginnt es draußen hell zu werden…und wir erahnen Bangkok…und seine Größe.

Zum ersten Mal realisiere ich wirklich, dass wir an einem völlig fremden Ort den Flieger verlassen werden und ein aufgeregtes Grinsen macht sich in meinem Gesicht breit. Den Landeanflug beobachten wir in unseren kleinen Bildschirmen vor uns. Schon die grünen Palmen um den Flughafen deuten an, wie anders alles sein wird.

„Wir machen ganz entspannt heute, erstmal klarkommen, ne?“ – mit diesem Motto verlassen wir den Flieger und dann auch unproblematisch mit dem ersten Stempel im Pass den Flughafen. 30 Tage haben wir ab heute, um Thailand kennenzulernen.

Mit der U-Bahn fahren wir drauf los – irgendwie irgendwo in die Ecke, wo wir hinmüssen. Die Bahn ist voll und stickig, trotzdem ist es nicht besonders unangenehm. Alle an Board sind ruhig und die meisten mit ihrem Smartphone beschäftigt. Wir schauen beide stumm und neugierig aus dem Fenster – fremde Werbeplakate, auch einige bekannte Marken, viel was wir nicht lesen können, und überall immer wieder große Plakate zum Gedenken an den kürzlich verstorbenen König. Eine völlig andere Welt zieht an uns vorbei.

Als wir aussteigen schlägt sie uns entgegen – die noch wärmere und feuchtere Luft…“Okay, das war also klimatisiert in der Bahn…“. Alles klar, weiter geht’s mit unseren langen Klamotten und Backpack, vorn jeder noch den Handgepäckrucksack. 34 Grad, 70% Luftfeuchtigkeit und wir wandern los mit unserer Handykarte (die gibt’s zum Glück offline) und suchen erstmal unser Hostel. Immer an der Hauptstraße entlang und irgendwann ins Viertel Bangrak.

Alles ist laut und während wir so an kleinen Buden und Läden, Garagen, Straßenständen und Kreuzungen entlangziehen riecht es abwechselnd oder eher gleichzeitig nach fremdem Essen, heißem Fett, Autoabgasen, und vielen unbekannten, undefinierbaren Gerüchen. Die Straße ist voll von Autos, TukTuks und vor allem Rollern – überall sind Roller. Sobald man jemanden in einem der Gefährte einen Moment ansieht, kommt er und fragt, ob wir wohin möchten. Sobald man das Essen oder die Verkäufer an der Straße anschaut, werden wir gefragt, was wir möchten. Wir schütteln fleißig unsere Köpfe und lächeln freundlich zurück. Wir laufen an unzähligen offenen Garagen vorbei, in denen gebastelt, gebaut, repariert, gekocht, verkauft, und gelebt wird. Alle größeren Gebäude sind umzäunt und oft bewacht.

Trotz 11 Stunden Flug, trotz Lärm und viel zu vielen Reizen, trotz Hitze – jeder Meter ist neu und so spannend, dass wir ganz gefesselt sind. Unser Hostel erreichen wir nach einigen Kilometern und können zumindest unser Gepäck abstellen. Check-In ist erst in zwei Stunden, daher beschließen wir nach einer kurzen Pause weiter Bangkok zu erkunden. Noch mehr Garagen, noch mehr Stände, noch mehr Roller und an jeder Ecke ein 7/11 Supermarkt. Jan hat Hunger und wir suchen einen „vertrauenswürdigen“ unter den ganzen Straßenständen – gar nicht so einfach sich auf das neue Essen einzulassen, wenn man nicht weiß was was ist, wo man gut essen kann und was man vielleicht lassen sollte. Mir ist noch nicht danach, die ganzen Gerüche überfordern meinen Appetit – ich bleibe heute bei meinen Mitbringseln, die noch aufgegessen werden müssen. Jan sucht sich eine kleine Omi in einer Nebenstraße aus, bei der er es versuchen möchte. Wir setzen uns in ihr Lokal (oder Wohnzimmer?) und gucken gespannt den anderen Gästen (oder Familienmitgliedern?) beim Essen zu. Das Essen ist gut, unfassbar günstig und völlig in Ordnung.  Und trotzdem ist in der neuen Welt selbst eine Mahlzeit ein Erlebnis.

Wir finden den Weg zurück zum Hostel und fallen erschöpft aber glücklich auf das Bett im sauberen, klimatisierten Zimmer. Wir haben es geschafft, hier bleiben wir für vier Nächte, und ab jetzt gibt’s kurze Klamotten und Flip Flops.

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Abends sitzen wir mit einem Chang Bier (sehr lecker) auf der Terrasse direkt vor unserem Zimmer und genießen den Ausblick auf Bangkok bei Nacht. Ein Gewitter zieht auf – es soll nicht das letzte gewesen sein – und wir beobachten das Treiben in den Straßen. Was wollen wir nun die nächsten Tage in dieser riesigen Stadt machen…

Angefangen haben wir am nächsten Tag mit dem Besuch vom Chatuchak Market – dem größten Wochenendmarkt Thailands mit über 15.000 einzelnen Ständen, an denen Kleidung, Souvenirs, Essen und alles was man sonst so brauchen kann verkauft wird. Wieder ist es voll, wieder riecht alles fremd – aber wir sind ausgeschlafen, neugierig und ein wenig mutiger. Wir probieren uns durch das leckere Streetfood und suchen lange dünne Hosen (ohne Elefantenmuster). Auf dem Markt sind viele Touristen aber auch viele Thais unterwegs und man fühlt sich zu keinem Moment fremd, angestarrt, unerwünscht oder sonst irgendwie unsicher. Es macht Spaß und wir drehen einige Runden.

Wenig später halten wir uns am Handgriff fest und sind umzingelt von Motorengeräuschen und Hupen – unser TukTuk brettert durch Bangkoks Straßen und bringt uns zur Khao San Road, der berühmten Backpackermeile. Natürlich müssen wir Tuk Tuk fahren ausprobieren – und natürlich bezahlen wir viel zu viel. Aber das ist es uns wert, es ist wirklich ein Erlebnis.

Mit der Zeit in den nächsten Tagen bekommen wir ein Gefühl für die Preise und Verhandlungsstrategien – wenn man mitten drin geht, bekommt man alles schon einmal für die Hälfte. Ob man es dann noch möchte oder wirklich nicht mehr. Mir ist aber jedes Mal wieder mulmig dabei – natürlich möchten wir faire Preise, alles ist schon mal grundsätzlich teurer für Nicht-Thais. Aber ist das nicht auch in Ordnung? Wollen wir wirklich die Menschen, die ihr Leben und wahrscheinlich das ihrer Familie davon finanzieren von 5 Euro auf einen runterhandeln? Ich finde es schwierig, mir ein Urteil zu erlauben, weil alles so neu ist. Ich habe das Gefühl Fragen dieser Art werden uns noch lange auf unserer Reise durch die verschiedenen Länder begleiten.

Wieder ein Motorenbrummen im Hintergrund, wieder sind wir von vielen Menschen umzingelt, und wieder im öffentlichen Nahverkehr unterwegs. Wir fahren Wassertaxi. Eine übliche, recht einfache und günstige Variante in Bangkok von A nach B zu kommen, ist das Expressboot. Obwohl die Boote auf dem Chao Phraya Linie fahren, ist auch das ist nicht unspektakulär. Ein lautes Pfeifen von hinten, das Wassertaxi legt den Rückwärtsgang ein, der junge Mann springt vom Boot auf den Steg und legt ein Seil an….dutzende Leute pressen sich mit ins volle Boot, erneutes Pfeifen, der Sprung zurück auf’s Boot und mit Vollgas geht’s weiter.

Schon vom Wasser erblicken wir Wat Arun, den Tempel der Morgenröte. Wir schauen uns den hohen Bau mit den wunderschönen Verzierungen an und steigen die sehr steilen Treppen hoch. Leider wird der Tempel restauriert und es sind viele Touristen unterwegs. Auf der anderen Flussseite besuchen wir Wat Pho. In diesem Tempel bestaunen wir den liegenden riesengroßen Buddha und prächtige goldene und bunte Verzierungen und Dekorationen.

Die Tempel zeigen, wie wichtig und wertvoll der Buddhismus für die thailändische Kultur ist. Der Glaube ist fundamental und Rituale, die damit zusammenhängen fest im Alltag verankert. Zum Beispiel das Schuhe ausziehen vor der Tür, nicht nur wenn wir den Tempel betreten, sondern auch im Hostel. Wir hören ein einstimmiges tiefes Gemurmel hinter einer Ecke und suchen woher es kommt. Leise schleichen wir uns an den Eingang einer weiteren Tempelhalle, das Summen wird lauter. Wir betreten leise den roten Teppich, mit dem die Halle ausgelegt ist und setzen uns zu ein paar Leuten, die dort bereits stumm verharren. Vor uns ein großer goldener Buddha, umgeben von goldener und bunter Dekoration. Zu unserer linken sitzen in Reihen in ihren orangen Gewändern Mönche aufgereiht. Sie beten. Einstimmig und für uns völlig unverständlich murmeln sie und versetzen mich damit einen Moment lang fast in Trance. Plötzlich bin ich mit meiner Aufmerksamkeit ganz bei mir, entspanne mich, schweife mit meinen Gedanken ab.

Die Tempel haben uns mehr gezeigt als eine einfache Touristenattraktion – wenn man genau hinsieht entdeckt man die Besonderheiten und Werte, die eine ganze Kultur prägen. Und in solchen Momenten kann man sie sogar fühlen.

Den wohl berühmtesten Tempel, den Königspalast Wat Phra Kaeo, konnten wir nicht besichtigen – und gerade das hat uns noch etwas über Thailand und seine Bewohner gelehrt. König Bhumibol ist im letzten Jahr verstorben und das Volk trauert noch immer. Der König war für sie fast gottgleich, er hat das Land stark entwickelt und Innovationen in sein Volk gebracht, die dessen Leben revolutioniert haben. Überall in der Stadt entdecken wir Traueraltare, überall wird an den König erinnert. Und der Tempel ist für Besucher gesperrt, damit Thais in Ruhe trauern und Abschied nehmen können. An einem Tag sehen wir viele von ihnen aus diesem Anlass sogar ganz in schwarz gekleidet.

Unser letzter Abstecher von Bangkok geht nach Ayutthaya. Die Ruinen der ehemaligen Hauptstadt Thailands im Norden Bangkoks, sollen eindrucksvoll sein. Wir entscheiden uns wieder für ein neues Verkehrsmittel und fahren mit dem Zug – dritte Klasse scheint erstmal kein Problem, das Fenster geht zwar nicht ganz runter aber wir sitzen entspannt und schauen uns die Bereiche Bangkoks an, die wir sonst nicht zu sehen bekommen. Mitten zwischen Hütten und Sträuchern bleibt der Zug stehen – und fährt ab dem nächsten Bahnhof leider gar nicht weiter. Wir müssen in einen anderen Zug umsteigen. Dort, mit nun zwei Zugladungen Menschen, stehen wir nun in der dritten Klasse Arm an Arm – die restlichen eineinhalb Stunden. „Auf dem Rückweg vielleicht doch anders?“

Als wir da sind leihen wir uns Mountainbikes, um die Stadt und die verteilten Ruinen zu erkunden – und in dem Moment als wir losfahren beginnt es wie aus Eimern zu regnen.

„Wenn es in 30 Minuten nicht aufgehört hat, fahren wir einfach wieder nachhause okay?“ – unser Ultimatum nach den ersten eineinhalb Stunden unter einem Parkdach und einem Tempeleingang…

Zum Glück nimmt der Regen tatsächlich etwas ab und wir düsen auf unseren Bikes los. Links fahren überfordert uns noch etwas, wir erreichen unser Ziel aber unversehrt. Während wir uns gerade die erste Ruine anschauen, zu der wir uns durchgekämpft haben, geht es dann auch schon wieder voll los. Wir lassen uns den Spaß davon aber nicht mehr verderben – nasser können wir eh nicht mehr werden – und erkunden das alte Gemäuer ganz in Ruhe im Regen. Klitschnass und frierend ( das erste und bisher letzte Mal ) stehen wir abends am Bahnhof und warten auf unseren Zug zurück nach Bangkok.

Wir grinsen uns mit einem heißen Kaffee in der Hand an „Auf jeden Fall eine unvergessliche Radtour!“.

Unseren letzten Tag beginnen wir wie fast jeden mit einem Frühstück am Fenster in der Lobby. Es gibt Toast und Ei, dazu Kaffee. Wir können an der Theke sitzen und hinaus auf die Straße schauen, wo bereits geräumt, gekocht, gefahren und gequatscht wird. Hier sitzen wir gern. Immer mal wieder grinst einen jemand von draußen an – die ein oder andere Omi wollte uns sogar durch die Scheibe Fischbällchen andrehen. Wir verbringen den Tag noch einmal in den Straßen und auf dem Fluss Bangkoks – und machen uns abends auf den Weg Richtung Norden.

Völlig abgehetzt und durchgeschwitzt finden wir in der letzten Minute unseren Nachtbus am Busbahnhof. Es ist 20.15 Uhr und wir dachten wir wären rechtzeitig losgefahren – mal wieder war Bangkok größer als wir dachten. Wir sitzen im Bus und atmen durch. Jetzt verlassen wir diese Stadt. Die Stadt, die unser Tor nach Thailand war. Uns eine Kultur gezeigt hat, die uns so fremd und neu, aber so herzlich und liebenswert ist. Wir verlassen Bangkok und wären gern noch geblieben, wenn es nicht noch so viel mehr Abenteuer zu entdecken gäbe.

Eine Stadt, die keine zweite Chance braucht, wenn man sie mit offenen Augen, offenem Herzen und einem Lachen im Gesicht entdeckt. 

Wir schauen auf die Lichter, die am Fenster vorbeiziehen und freuen uns auf den Norden Thailands, wir fahren nun elf Stunden nach Chiang Mai.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. hankmathi sagt:

    ein toller erster Eindruck eurer Reise… : )

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  2. Caro sagt:

    Ihr Süßen!
    Ein sehr schöner erster Bericht. 🙂 Jetzt habe ich mich für kurze Zeit an eurer Seite gefühlt, das war fein.
    Weiterhin viel Freude, große Abenteuer & nach den vielen Eindrücken in Bangkok vielleicht auch etwas Ruhe & Entspannung zum Sackenlassen & Ankommen! ❤

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